102. Episode aus meinem Leben – Alterserscheinungen

Episoden aus meinem Leben

102. Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

 

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Mein Vater wird 79 Jahre. Ich freue mich, dass er dieses Alter erreicht hat, obwohl es für ihn noch nicht ganz zum „Greis“ reicht.  Ich bin 36, gesund, nach dem Sternzeichen ein Fisch und als solcher frisch und munter.
Zirka dreißig Jahre später gehe ich in Pension und habe noch keinerlei gesundheitliche Einschränkungen. Jetzt erst brauche ich Brillen, die andere schon mit 40 tragen. Das ist aber auch alles.
Allerdings bin ich seit langem korpulent und habe wegen meiner Fettleibigkeit einige Kuren hinter mir, sogar eine Therapie mit wöchentlichen theoretischen Vorträgen und Turnübungen, die sich auf ein Jahr erstrecken. Nützen tut sie nur im ersten Moment, aber nicht wirklich.
Dann geht es weiter mit einem Knorpel-Schaden am Knie, zurückzuführen auf eben dieses Übergewicht. Erfolgreich wird er mit einer Operation behandelt, sodass ich dieses Problem aus meinem Gedächtnis streichen kann. Allerdings vermisst meine Frau unseren gemeinsamen Sport, das Tanzen. Unter solchen Voraussetzungen wird meine Wohlbeleibtheit zum Alltag. Bald bin ich damit so vertraut, dass sie für mich nichts Besonderes mehr darstellt.
Allmählich wecken jedoch Damen und Herren, die älter sind als ich, dabei aber dynamisch, topfit und unverwüstlich erscheinen, meinen Neid. Den kann ich aber gut verbergen. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die schon ordentlich unter Alterserscheinungen leiden. In der Mitte zwischen beiden Typen fühle ich mich ganz wohl.
Auch die Tatsache, dass ich beginne, weniger gut als meine Frau zu hören, bekümmert mich nicht sonderlich. Als der Unterschied größer wird, kaufe ich mir –  mehr ihret- als meinetwegen – einen Kopfhörer, der mir erlaubt beim Fernsehen die Nuancen der Geräusche besser zu erfassen als bisher, und ihr, den Fernseher noch leiser einzustellen als zuvor. Das einzig Unangenehme bleibt, dass ich nichts höre, wenn meine Frau beim Gehen – offensichtlich an meine Adresse – aber doch nach vorne gerichtet spricht. Ich muss mich also vor und nach unten beugen, um den Größenunterschied zwischen uns beiden auszugleichen. Ich stelle mir vor, dass das für Passanten recht komisch wirkt und zum Lachen reizt. Was aber der Aufmerksamkeit meiner Gesprächspartner entgeht, ist die Tatsache, dass ich auf ihren Mund schauen, „von den Lippen lesen“ muss, um sie zu verstehen. Ich kann also – hoffentlich unbemerkt – nur selten Augenkontakt aufnehmen.
Ein neuerliches Problem tut sich auf: durch die Verwendung meiner Gleitsichtbrille bei der Arbeit am Computer muss ich meinen Kopf nach hinten neigen, um jenen Teil dieser Allround-Brille der für die Sicht in der Nähe ausgerichtet ist, voll zu nützen. Jetzt erst fällt mir auf, dass meine Frau neben ihrer normalen Brille auch eine Lesebrille verwendet. Das bringt mich auf die Idee, mir ebenfalls eine solche verschreiben zu lassen. Auf die Frage der Augenärztin, wofür ich diese verwenden wolle, fällt mir spontan ein, dass sie speziell für meine Arbeit am Computer geeignet sein müsse. Vorbeugend habe ich schon gemessen, wie weit vom Bildschirm ich dabei sitze, nämlich 45 cm. Ob es ausschließlich dafür gedacht sei, fragt die Frau Doktor. Als ich bejahe, bekomme ich keine Lese- sondern eine Computer-Brille.
Als mir vor dreizehn Jahren bestätigt worden war, meine Nervenleitgeschwindigkeit gäbe vorerst keine elektroneurografischen Hinweise für ein Polyneuropathiesyndrom, bemühte ich mich erst gar nicht darum, diese medizinischen Fachausdrücke verstehen zu wollen. Jetzt mit 76 Jahren leide ich an dieser Krankheit, sodass ich mich mit dem Sinn dieser Begriffe doch beschäftige.
Mich besorgt mein Schwindelgefühl, sodass ich dem Rat, mich zum Zweck einer Untersuchung für kurze Zeit in der neurologischen Abteilung eines Krankenhauses aufnehmen zu lassen, prompt Folge leiste. Im Laufe meines Aufenthalts wird mir klar, dass ich nicht Schwindel-Anfälle sondern taube Fusssohlen habe, was mich um einiges weniger besorgt.
Wie macht sich das bemerkbar? Meine Zehen kribbeln und ich muss mich um einen sicheren Schritt bemühen. Wenn ich keine Wände habe, an die ich mich beim Gehen ab und zu anlehnen kann, muss ich darauf  achten, meine Augen nicht auf den Boden vor mir sondern in die Ferne zu richten. Es ist auch ratsam, dass ich meinen Oberkörper selbstbewusst aufblähe und damit als Stabilisierungsfaktor nütze.
Wenn ich in meiner Unbekümmertheit nicht darauf achte, muss ich meinen Gang mit abrupten Seit- oder Vorwärtsbewegungen ausgleichen. Dabei finde ich mein Körpergewicht als Hilfe. Wenn das nicht mehr so ist, werde ich mich darum kümmern. Derzeit bin ich dabei, mich an die Situation des torkelnden Fussgängers zu gewöhnen, den jedermann – wenn sie oder er es nur will – für betrunken halten kann.
An ein baldiges Ableben denke ich auch jetzt als 76-Jähriger nicht. Ich werde nämlich im Gegensatz zu meinem Vater – der modernen Medizin sei Dank – das Greisenalter von 80 erreichen und darüber hinaus als Hochbetagter meine Umwelt noch ordentlich aufmischen.
Biechl Alois Biechl Egon
kostenfrei

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