109. Episode aus meinem Leben – Noviziat

109. Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

 

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Monte Senario
Es gibt täglich Zeitungen, Kino, Radio und Fernsehen. Unser Pater Magister meint, dass das zu einer Reizüberflutung führt, die Konzentrationsfähigkeit reduziert und auch die Lust, ernsthaft zu arbeiten. Wer glaubt, man müsse alles gesehen haben, um mitreden zu können, erliege oft verkappter Eigenliebe. Man muss nicht unbedingt alles haben, was der heutige Lebensstandard an Gütern, Annehmlichkeiten und Genüssen anzubieten hat. Bescheidene Lebensführung ist angesagt.1963, im Jahr zwischen Matura und Universitäts-Studium bin ich im Noviziat der Patres Serviten. Hier lerne ich zusammen mit zwei Mitbrüdern die gesamte Geschichte der Diener Mariens seit 1233, dem Jahr der Gründung, kennen. Das ist für uns drei, die wir ein Leben in diesem katholischen Orden anstreben, sehr interessant.Noch aufschlussreicher sind für uns die Regeln des Kirchenvaters Augustinus, nach denen unsere Altvordern leben sollten und die prinzipiell auch heute noch gelten. In 25 Kapiteln  wurden damals die strengen Regeln festgelegt: Beichten pro Woche zweimal, absolutes Stillschweigen während der Nacht, Mahlzeiten ohne Fleischgenuss, Fasten mit Wasser und Brot am Karfreitag, Schlafen im Ordensgewand, Tonsur als Haarkranz mit höchstens drei Zentimetern Breite, Reisen ohne Silberstücke, sondern nur mit maximal 10 Soldi (die heute einem Wert von zirka 300 Euro gleichkommen). Die Mönche waren weder berechtigt, mit Frauenspersonen zu sprechen, noch Briefe ohne Zensur des Pater Prior zu versenden. Illegitime Kinder durften nicht in den Orden eintreten. Natürlich durften solche auch nicht produziert werden. Die Begründer des Ordens nahmen ihr einsiedlerisches und karges Leben so ernst, dass der Gesandte des Papstes Gregor IX. ihren „Leidensdurst“ mäßigen musste.

Bei unserem Eintritt ins Kloster, 730 Jahre danach, müssen auch wir die Gelübde der Armut, Keuschheit und des Gehorsams ablegen und im Geiste der Buße, der Übernahme eigener und auch fremder Schuld, leben. Neben dem Grundsatz, nicht vorzugeben, man halte dieses Leben nicht aus, wird uns allerdings auch vermittelt, dass wir beim Fasten darauf achten sollen, einen Überschuss an Kräften zu bewahren, um unseren apostolischen Aufgaben nachkommen zu können. Einige Bräuche von damals sind – in abgeschwächter Form – auch heute noch übrig geblieben: Beichten möglichst unmittelbar nach dem Vergehen, Stillschweigen bei der Tischlesung, Fisch am Freitag (allerdings mit einem Bier), Ausschneiden eines kleinen Büschels Haare anläßlich der Einkleidung mit dem Ordensgewand (anschließend für niemanden sichtbar), Zuteilung einer  Summe Geldes für Reise- oder andere gerechtfertigte Ausgaben

Wir streben danach, diese Auflagen nach Möglichkeit zu erfüllen. Im Noviziat fällt uns das besonders leicht, verweilen wir doch ausnehmend lange in unserer Zelle, wo wir schweigen und – neben dem gemeinsamen Beten im Chorgestühl – über unsere Eignung zu diesem Beruf meditieren. Wir verlassen nur in Ausnahmefällen die Klausur des Konvents oder den Klostergarten. In dieser Atmosphäre sind wir überzeugt, dass wir den richtigen Weg einschlagen. Wir machen uns die Bedingung der Keuschheit zu eigen und versuchen, uns nicht nur von Frauen fern zu halten, sondern – abgesehen davon – auch unsere fleischliche Begierde im Zaum zu halten. Durch Zufall entdecken wir einen von uns, wie er  – aufgescheucht durch etwas Lärm – splitterfasernackt aus seiner Zelle kommt. Er müsse sich – so sagt er – an die eigene Körperlichkeit gewöhnen. Das empfinden wir, so fremd es uns im ersten Augenblick auch ist, als durchaus vernünftig.

Wir durchleben dieses Jahr als Debütanten in großer innerer Ruhe und fühlen uns den Herausforderungen gewachsen, die unabwendbar auf uns zukommen werden.

Seit dieser Erfahrung sind 55 Jahre vergangen. Wir schreiben 2018. Es ist die Rückblende auf die Grundsätze eines Lebens, das ich sieben Jahre lang geführt habe. In dieser Zeit sind für mich radikalere Änderungen erfolgt als jene, die im Orden der Serviten seit 1233 stattgefunden haben.

 

Noviziat

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