114. Splitter – zwei Heimaten

Episoden aus meinem Leben

114. Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

 

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Heute reise ich nach Tirol, meine Heimat, weil mich Internats-Kollegen aus meiner Innsbrucker Gymasialzeit zu einem Treffen eingeladen haben. Ich plane, bei dieser Gelegenheit auch meine Cousine und den Verwandten, der kürzlich seinen siebzigsten Geburtstag in Wien gefeiert hat, zu besuchen.

Er holt meine Frau und mich vom Innsbrucker Bahnhof ab und bringt uns zu der reservierten Unterkunft.

Die erste Nacht ist vorbei, ich studiere die Karte von Innsbruck und finde souverän zu meiner Cousine. Wie vereinbart treffe ich sie in ihrer neuen  altersgerechten Bleibe. Ich bin bass erstaunt, dass sie mit ihren neunzig Jahren noch so viel weiß, was aus meinem Gedächtnis bereits verschwunden ist. Sie erzählt mir von gemeinsamen Erlebnissen und – für mich neu und interessant – dass mein Stiefbruder Heini, der Adoptivsohn meines Vaters, Pepi, die Frau seines Onkels geheiratet hat. Mich als Ahnenforscher freut es sehr, dass ich diese Lücke in meinem Stammbaum füllen kann, obwohl die genealogische Plattform „My Heritage“ gar nicht imstande ist, diese Tatsache darzustellen.

 

BiechlOffensichtlich hat sie den Termin unseres Treffens so festgelegt, dass ich dabei auch eine Vertreterin ihrer Enkelgeneration und deren Sohn treffe. Ich freue mich über dieses Arrangement und darüber, dass ich endlich diesem ihrem Urenkel  begegne. Er zeigt sich zunächst unnahbar, taut aber auf, als er mein Interesse an seiner Position beim Fußballspiel bemerkt.

 

Den Rückweg schaffe ich unter Zuhilfenahme des Stadtplans problemlos. Dadurch verwöhnt lehne ich am nächsten Tag ein Taxi für die Fahrt zum Bahnhof ab. Meine Frau traut mir nicht ganz, begleitet mich, vermeidet dabei  die Hauptstraßen und führt mich durch  Nebengässchen. Schließlich gehen wir trotz ihres guten Orientierungssinns in die Irre. Beide kennen wir uns nicht mehr aus. Ich will hartnäckig nach links, weil wir dort mit dem Auto vom Bahnhof zur Pension gefahren sind, sie nach rechts. Sie hat schließlich recht. Links gibt es nämlich nur eine Autostraße, wo Fußgänger ausgeschlossen sind. Innsbruck
Endlich in Imst, dem Hauptziel meiner Reise, angekommen treffe ich mit den vier Verbliebenen  aus unserer Runde zusammen. Wir erzählen uns Schwänke von damals. Dabei tauchen viele von mir bereits vergessene Namen von Mitschülern auf, auch von solchen, die nicht zusammen mit uns im Internat der Serviten waren. Eine Anekdote bringt mich zum Schmunzeln: Ein Landpfarrer aus der Umgebung zeigte sich bei der Erstkommunion wegen des zur Unterstreichung der Feierlichkeit verzögerten Ablaufs gelangweilt und desinteressiert. Der Diakon stieß ihm deswegen ans Schienbein. Als er die Feierlichkeit der Zeremonie weiterhin missachtete, stellte sich der Diakon vor ihn und gab ihm links und rechts eine Ohrfeige, sodass der „Seelenhirte“ seine Brille verlor und in die Sakristei stolpern musste.

Obwohl wir nach Möglichkeit alle Priester werden sollten, hat keiner von uns dieses Ziel erreicht. Zwei von uns traten nicht in den Orden der Diener Mariens ein, einer blieb vier Monate, einer vier Jahre, nur ich hielt es sechs Jahre aus. Sie sind im religiösen Umfeld verblieben,
nur ich bin aus der Kirche ausgetreten.

Nach unserem interessanten und lustvollen Treffen in Imst fahre ich zurück nach Innsbruck. Dort nehme ich  zur Sicherheit mein Handy zur Hand und finde damit schnurstracks bis fünfzig Meter vor unsere Pension. Aber von einem Moment zum anderen gerate ich in Verwirrung und gehe daran vorbei. Bald kenne ich mich nicht mehr aus und kontaktiere meine Frau telefonisch. Sie versucht mir zu helfen. Das stellt  sich dann aber nur als Behinderung heraus, weil damit mein Handy als Retter in der Not ausfällt. Als ich mich endlich anders entscheide und nur mehr auf den Navigator sehe, finde ich mich allmählich im Zusammenspiel zwischen Straßennamen und Handy wieder zurecht. Eine zusätzliche Stunde vergeht bis zum Eintreffen bei ihr.

Ich bin erleichtert, dass sie mir nicht vorhält, ich hätte entgegen ihrem Vorschlag, ein Taxi für die Rückfahrt zu nehmen, den Fußweg genommen. Beim Abendessen mit unserem weitschichtig verwandten Freund haben wir den Zwischenfall bereits vergessen. Die Gespräche mit ihm bringen uns auf andere Gedanken und ich entdecke sogar Gemeinsamkeiten in unserem Leben.

Es ist aber vollkommen klar, dass wir am Abreisetag das Taxi nehmen werden. Wir verlassen Innsbruck, welches mir nach so vielen Jahren fremd geworden ist, gerne und freuen uns auf unser gemütliches Zuhause in meiner neuen Heimat Wien.

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