126. Episode aus meinem Leben – Subdiakon

Episoden aus meinem Leben
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Die Ausbildung ist das Eine, die Karriere das Andere. ich lerne nicht weniger als meine Kollegen, bin aber als Österreicher in Italien. Einer meiner Mitbrüder im Orden der Servi di Maria wird ermutigt, die Prüfung zum Bakkalaureat (Bachelor) abzulegen und besteht sie. Bei mir heißt es: „Für Dich macht es keinen Sinn, das Baccalaureat in Theologie zu machen, weil es nur in Italien gilt. Damit kannst Du in Österreich nichts anfangen!“ Obwohl auch ich eine wissenschaftliche Arbeit unter Betreuung eines Hochschullehrers selbständig verfassen könnte, geniert es mich also nicht, dass ich den ‚baccalà‘ vergessen kann. Ich amüsiere mich eher darüber, dass dieses ‚baccalà‘, wie man es umgangssprachlich bezeichnet, in Wirklichkeit zu Deutsch Stockfisch oder Bohnenstange bedeutet. Wie mein Kollege, der die Prüfung als baccalaureus Theologiae seu Divinitatis verlässt, absolviere auch ich zwei Jahre Christliche Philosophie, die unter anderem auf den Erkenntnissen von Augustinus und Thomas von Aquin beruht. In dieser Zeit versuchen wir, ausschließlich, mit der natürlichen Vernunft, wenn auch nicht gegen christliche Elemente, zu argumentieren, um alle Interessierten erreichen zu können. Wir sind für künftige Gespräche außerhalb unserer Umgebung gewappnet. Außerdem bin ich jetzt der italienischen Sprache mächtig und zum Klosterfotografen avanciert.



Dalmatika für Subdiakone
Bachelor und Freund für Zuflucht

Im Gegensatz zum Baccalaureat werde ich ein halbes Jahr, bevor ich das eigentliche Theologiestudium absolviert habe, dazu angehalten, die klerikale Karriereleiter hinaufzusteigen. Jetzt stehe ich vor dem Abschluss das Studiums der biblischen, der historischen, der systematischen, der praktischen und der interkulturellen Theologie und kann auf diesem Gebiet mitreden. Allerdings erklimmt man die liturgische Position eines Priesters zunächst mit den sogenannten „Niederen Weihen“. Alle vier Stufen dieser Konsekration erhalte ich in einem Aufwaschen. Die erste davon ist das ‚Ostiariat‘. Ab dem Jahr 251 waren sie Türsteher und beauftragt, den Ungetauften und Büßern einen Platz im hinteren Bereich der Kirche zuzuweisen und sie dann nach dem Wortgottesdienst und vor Beginn der Eucharistie-Feier hinauszuweisen. Gleich danach werde ich zum ‚Lektor‘, verantwortlich für die Lesungen aus dem Alten Testament bei der Messfeier. Die Weihe zum ‚Exorzisten‘ oder Teufelsaustreiber ist nur historisch bedingt und nicht mehr zeitgemäß. Sie wird – wenn überhaupt – von erfahrenen Kirchenmännern mit dem Auftrag eines Diözesanbischofs ausgeführt. Im Gegensatz dazu darf ich als ‚Akolyth‘ vor der Kommunionsfeier Wasser und Wein in den Kelch des zelebrierenden Priester eingießen. Dafür hätte ich nicht so viel lernen müssen. Daraufhin folgt Mitte 1969 die erste Höhere Weihe, jene zum Subdiakon, bei der ich mit einer Albe, einem Manipel und einer prachtvollen Dalmatika bekleidet werde. Bei Hochämtern kann ich jetzt neben dem Priester und dem Diakon der Dritte im Bunde sein. Allerdings bin ich einer der Letzten, die dieses Privileg genießen dürfen, weil dieses liturgische Amt nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, 1962 bis 1965,  im Jahr 1972 von Papst Paul VI. abgeschafft wird. Der Diakon allerdings bleibt bestehen. Bei dieser nächsten Stufe in der klerikalen Laufbahn erhält man zusätzlich eine Stola, die allerdings über die Schulter und nicht wie beim Priester über den Hals getragen wird.

Ich bekomme sie nicht mehr. – Warum? Dieser einschneidende Schnitt der Weihe zum Subdiakon ist verbunden mit der Pflicht zum Zölibat. Blindlings nehme ich das in Kauf, gehört es doch zum normalen Werdegang eines Priesters. Jetzt allerdings beginne ich, den Ernst der Lage zu erfassen. Ich habe doch auch hier in Italien schon einige amüsante Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts kennengelernt. Will ich wirklich zölibatär leben? Kann ich den Versuchungen widerstehen?
Ich treffe eine Entscheidung und informiere den zuständigen Vorgesetzten von meinen Entschluss, die klerikale Laufbahn zu verlassen.

Außerhalb des Klosters sehe ich für mich keine Zukunft in Italien, also auch nicht mit eben der italienischen Frau, die mich in ihr Herz geschlossen hat. Sie ist mit ein Grund für meinen Entschluss, den natürlichen Werdegang eines katholischen Klerikers zu verlassen. Bevor ich Italien Richtung Österreich verlasse, informiere ich sie schweren Herzens.

Anschließend „verstecke“ ich mich vor ihr und meinen Leidensgenossen, die ich einer solchen Situation zurücklasse, bei einem Ex-Kollegen, der den Orden schon früher verlassen hat.

Ich kehre zurück nach Österreich, bekomme anstandslos die von mir erbetene Dispens und bin ab sofort auf dem Weg zu einer anderen Karriere.

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