127. Episode aus meinem Leben – Gerichtsverhandlung

Episoden aus meinem Leben

127 Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

 

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Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jede Person, die künftig die Splitter regelmäßig erhalten will. Bitte alles an: egon.biechl@drei.at senden. Kommentare nur für mich privat bitte als solche kennzeichnen.

 


Betriebsausflug

Im Dezember 1997 macht die Verkaufsabteilung der Firma Neusiedler einen Betriebsausflug ins Schloss Greillenstein bei Gars am Kamp in Niederösterreich. Meine Auslandsreisen teile ich so ein, dass ich bei solchen Anlässen immer dabei sein kann. Ich freue mich sehr, dass wir uns bei diesen Gelegenheiten abseits der alltäglichen Arbeit grundsätzlich prächtig unterhalten. Diese Zusammenkünfte sind nicht nur für unseren Chef, sondern auch für uns Betriebsräte eine willkommene Chance zur Förderung des guten Betriebsklimas. Schließlich ist das eine unseren wesentlichen Aufgaben. Solche Wochenenden schweißen uns eindrucksvoll zusammen.

Die Event-Manager hier in der Burg haben neben vielen anderen Attraktionen einen Sketch vorbereitet, der uns gut unterhalten und abenteuerlich ablaufen soll: eine Gerichtsverhandlung.

Mein Kollege Stefan ist der Richter, Toni der 1. Beisitzer und ich der Gerichts-Schreiber. Alle drei tragen wir eine dunkle Robe, mittelalterliche Perücken und Stefan dazu noch ein richterliches Barett und einen weißen Brustlatz. Ein Kruzifix hinter uns, brennende Kerzen vor uns am Richtertisch und ein Gänsekiel in meiner Griffweite vervollständigen die forensische Atmosphäre.

Der Gemeindediener führt den Angeklagten herein. Dieser Inquisit, Bauernsohn und Hoferbe, wird beschuldigt, die Magd eines Nachbarn geschwängert zu haben. Dafür wird er vom Bauer der Magd angeklagt. Der muss nämlich für die unehelich geborenen Kinder, die Kegel seines Gesindes, aufkommen, wachsen diese doch in der Großfamilie mit auf. Das will er sich nicht aufhalsen lassen.

Es ist die Aufgabe des Richters, durch Befragungen des Angeklagten die Wahrheit herauszufinden und ihn zu einem Geständnis zu veranlassen. Seine Ehren, die personifizierte Justiz in unserer Gemeinde, unser Stefan, fragt den Beschuldigten zunächst der guten Ordnung halber um seinen Namen. Dieser ist Johannes, seine Religion römisch katholisch, sein Alter 24 Jahre. Ob er sich bewusst sei, dass ein außerehelicher Verkehr strafbar ist. Johannes bejaht, meint aber gleichzeitig, dass er nicht der Übeltäter wäre. Er sei verlobt und seiner Künftigen treu.

Ui! Das verspricht, ein problematischer Fall zu werden. Ich bereite mich vor, ein ellenlanges Protokoll zu schreiben.

Ob er bei seinen Eltern wohne. Da das nicht der Fall ist, wird alles noch viel komplizierter. Wir glauben ihm nicht und lassen ihn daher arrestieren, bis der Fall aufgeklärt ist. Er wird gefragt, wo er sich aufhalte, wovon er sich ernähre und ob er bereits einmal angeklagt oder sogar eingekerkert gewesen sei.

Da er den Unschuldigen spielt, müssen jetzt vom Bauern benannte Zeugen befragt werden. Bei Elisabeth, der Wirtin, wird recheriert, ob er sich – vielleicht im Rausch – gerühmt hätte, bei der Magd eingestiegen zu sein. Da sie bejaht, kann Johannes den neuerlichen inquisitorischen Fragen nicht mehr ausweichen. Ja, er wäre dort gewesen. Wann, wie oft und wie er das gemacht hätte. Johannes windet sich kleinlaut. Jetzt aber beginnt Renate, die Magd, um die es geht, auszupacken. Sie will ihren Dienstbotenstand hinter sich lassen und zur Bauersfrau aufsteigen. Ja, er wäre nicht nur einmal, sondern viel öfter bei ihr gewesen. Sie liebe ihn und freue sich auf das gemeinsame Kind. Die Verlobte kann ja nicht mit „solchen Umständen“ aufwarten.

Weitere Zeugen werden um ihre objektive Stellungnahme gefragt. Der Dorflehrer bestätigt, dass die Handschrift des Briefleins, das bei der Magd gefunden wurde, eindeutig von Johannes ist. Andererseits wissen alle Dorfbewohner, dass das Tüchlein, das in der Kammer von Johannes aufgetaucht war, eindeutig von Renate, der betroffenen Magd ist.

Die Sachlage ist also ganz eindeutig. Johannes anerkennt jetzt zwar sein Kind, aber wann er Renate heiraten wird, lässt er – noch – offen.

Wir alle sind erleichtert und sehen ein, dass er zunächst die neue Situation mit seiner Verlobten klären muss. Es ergeht ein Freispruch, Johannes wird entlassen und ich kann das Protokoll über den Ablauf des Prozesses fertigstellen.

Wir alle wenden uns den anderen Vergnügungen zu, die man für uns bereithält. Die gemeinsamen Aktivitäten lassen auch diesen Betriebsausflug gelingen. Sie fördern im geschäftlichen Alltag das gegenseitige Verständnis, die Zusammenarbeit. Sowohl die Rechnung des Chefs als auch die des Betriebsrats sind aufgegangen.

kostenfrei

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