Episoden aus meinem Leben – Eloquenz

31 Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

 

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Ein markdurchdringender Schrei alarmiert uns.

Aus der Rückschau schaut das so aus: unsere beiden Enkelkinder vergnügen sich bei einer idyllischen Wanderung in einem kleinen Tal in der Nähe des Tiroler Ortes Kirchberg auf ihre Art. Hier sind wir deshalb, weil Tirol meine Heimat ist. In Innsbruck bin ich geboren, an sechs verschiedenen Tiroler Orten habe ich gelebt. Jetzt also bin ich mit meiner Frau und den zwei Ältesten unserer Enkelkinder, hier in Urlaub. Nie zuvor war ich in Kirchberg gewesen. Es ist für mich also fast so neu und ungewohnt wie für meine Liebsten aus Wien.

Für Großstadtkinder im Alter von zwölf Jahren ist das natürlich ein Eldorado. Sie laufen im Wald herum. Sie wollen wissen, wer der Schnellere, Kräftigere, Bessere ist. Sie lieben das und brauchen keinerlei Betreuung von unserer Seite. Auch wir fänden das als Einschränkung ihres jugendlichen Tatendrangs. Gerade deswegen sind wir mit ihnen hierher in Urlaub gefahren. Natürlich machen wir auch kleine Ausflüge und zeigen ihnen, wie schön hier die Wiesen, Wälder, Täler und Berge sind. Trotzdem finden sie immer wieder neue Gelegenheiten, sich auszutoben.

Philipp Bachsteine

Dabei kommen – und das ist jetzt der Punkt – die beiden auf die Idee, sich am verlockenden Nass in dem Bächlein, das nahe unserer Wanderrast fließt, zu amüsieren. Das Wasser steht etwa knietief und verlockt dazu, darin herum zu waten. Beide stellen sich auf vom Wasser umspülte Felsvorsprünge und werfen mit kleinen abgeschliffenen Bachsteinen um sich. Gregor wirft seinem Cousin Philipp einen davon zu, der diesen fangen will. Das gelingt ihm nicht und der Stein landet unerwartet direkt auf dem ungeschützten Zeigefinger. Durch die Wucht des Aufschlags wird dieser regelrecht zerquetscht.

Gregor ist zutiefst erschrocken über das, was er mit seinem Wurf verursacht hat, genau so wie wir, die verantwortlichen Erwachsenen. Wir verbinden den Zeigefinger mit einer sauberen Mullbinde und fahren sofort in die naheliegende Klinik.

Eine junge Ärztin kümmert sich um Philipp. Sie fragt ihn, was passiert wäre. Das beantwortet er sofort. Auch das Wie kann er schildern. Als sie ihn nicht sofort begreift, fragt er: „Wie würden Sie das sagen?“ Sie ist verblüfft und antwortet: „ich bin nicht so eloquent!“ Da die Verletzung sehr kompliziert ist, ruft sie den Oberarzt. Philipps Zeigefinger wird versorgt und geschient. Er muss in der Klinik bleiben und seine Großmutter bleibt bei ihm.

Mir bleibt die Aufgabe, mit Gregor allein in die Frühstückspension zurückzukehren und mich um ihn zu kümmern. Das ist an und für sich etwas ganz Selbstverständliches. Wer sich aber zu 100 Prozent auf die Qualitäten seiner Frau in der Kinderbetreuung verlässt, muss sich erst an den Gedanken der Alleinverantwortlichkeit gewöhnen. Ich kaufe uns etwas zum Abendessen, das nicht nur mir, sondern auch ihm schmeckt. Tags darauf besuchen wir Philipp und meine Frau im Krankenhaus. Die Großmutter übernimmt hier das Organisatorische und instruiert mich, was wir beide abends essen, trinken und tun können und sollen.

Als Philipp entlassen wird, ist die Stimmung schon viel gelassener. Auch auf mich trifft das zu, brauche ich mich doch nicht mehr um Mittag- und Abendessen kümmern. Jetzt kann ich mich wieder zu hundert Prozent auf die Qualitäten meiner Frau verlassen, im Moment speziell auf ihre Kochkunst, vor allem aber auf ihr großartiges Organisationstalent.

Philipps Verletzung ist – leider – nicht harmlos. Die Heilung dauert lange. Ihm bleibt ein Zeigefinger, der nur mehr mit Einschränkungen verwendbar ist, obwohl man seine Behinderung auf den ersten Blick nicht erkennt. Auf Nachfragen erklären wir ihm, was das Wort ‚eloquent‘ bedeutet. Seitdem brüstet er sich damit gerne und bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

kostenfrei

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