Episode aus meinem Leben – k. & k. Gerichtsbarkeit

Episoden aus meinem Leben

136. Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel
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Gerichts-Saal
Ich liebe Betriebsausflüge, in der wir Angestellte der Wiener Niederlassung unserer Firma einander besser kennen lernen und näher kommen können. 1997 im Renaissance-Schloss Greillenstein im Bezirk Horn wird für uns neben den verschiedenen sportlichen Unternehmungen eine Gerichtsversammlung um das Jahr 1850 nachgestellt. In einem passend ausgestattete Gerichtssaal finden wir alle erforderlichen Utensilien wie Kruzifixe, Kerzen, Tintenfässer und Federkiele. Zum Anziehen erhalten wir historische Kostüme, insbesondere richterliche Roben, Perücken und Barette für die Repräsentanten der Gerichtsbarkeit.

Den Richter oder Justitiar gibt Stefan, ich den Schreiber und Anton den Beisitzer. Wahllos suchen wir einen als ‚Inquisiten‘ oder Schuldigen aus unserer Kollegenschaft. Im Endeffekt wird Michael widerspruchslos dafür bestimmt. Zur ‚graviden‘ Magd, um die es geht, wird erst nach längeren Diskussionen Andrea ausgesucht.

Am Beginn der Gerichtsverhandlung wird die Anklage des Gutsherrn, der als Oberhaupt aller auf seinem Hof Bediensteten automatisch auch für deren leibliches Wohl sorgen muss, verlesen: „Der Knecht Michael hat die Magd Andrea geschwängert, ohne mit ihr kirchlich verheiratet zu sein. Damit will er die Verpflichtung, den Lebensunterhalt für sein Kind zu bezahlen, dem Gutsherrn aufbürden.“

Sofort bekomme ich als Protokoll-Schreiber viel zu tun. Der ‚vorarrestierte‘ Angeklagte wird befragt, wie er heiße, welcher Religion er angehöre, ob er vermählt oder ‚einschichtig‘ sei und wie alt er wäre; von ‚wannen‘ er gebürtig sei und wer seine ‚Erzeuger‘ wären. Interessant wird es, als der Richter ihn verhört, ob er wisse, wessen er angeklagt wäre. Er verneint und wird jetzt mit der ganzen Schwere seines Frevels konfrontiert. Ich schreibe mir die Finger wund.

Bevor der Richter von seiner vorrangigen Position noch das Wort  ergreifen kann, mischt sich der Pfarrer, die hier unwidersprochene Respektsperson ein: „Hier in einem katholischen Land zählt es zu den Todsünden, das Gebot der Keuschheit zu missachten. Hat ‚er‘ tatsächlich dagegen verstoßen?“ Michael verneint vehement. Ohne darauf zu achten, beschuldigt ihn der örtliche Seelsorger, dass man protestantische Umtriebe vermuten müsse, wenn er es getan hätte.

Das Gericht distanziert sich von der moralischen Instanz und befragt Andrea die Magd, von wem sie schwanger sei. Kleinlaut antwortet sie, ihrer eigenen Schuld bewusst, dass es tatsächlich der Angeklagte gewesen wäre. Jetzt werden der Reihe nach alle Anwesenden am Geschehen beteiligten Beteiligten befragt. So lässt Beatrix, die Wirtin des Dorf-Gasthauses, wissen, dass Michael bei der ‚Zecherei‘ mit Bier und Wein mehrmals geprahlt hätte, öfter mit unzweideutiger Absicht in Andreas Kammer gewesen zu sein.

Im Anschluss an die Befragung von rund zehn ‚Testimonen‘, die über detaillierte Feinheiten Bescheid wissen sollten, und nach etwa eineinhalb Stunden ‚exkulpierte‘ sich Michael, der ‚Maleficant‘, damit, dass er von der reizenden Andrea, die sich jetzt in anderen Umständen befindet, verführt worden wäre; sie hätte absichtlich ihren Busen vor ihm entblößt.

Wir lachen über die schauspielerischen Nuancen unserer individuell gestalteten Aufführung der mittelalterlichen Gerichtsversammlung und haben auch Spaß an den unterschiedlichen Auffassungen, was als schändliches Delikt zu werten ist und was nicht.

Was hat sich alles verändert seit der kaiserlichen Entschließung zur österreichischen Gerichtsbarkeit von 1849! Wie wird das wohl in weiteren 150 Jahren sein? Wird man ähnlich amüsiert über unsere Gerichtsbarkeit von 2019 (oder gar 1997) lächeln?

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