Episode aus meinem Leben – wie ich alt werde

 

Episoden aus meinem Leben

137. Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel
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Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jeden, der künftig die Splitter regelmäßig erhalten wollen. Bitte alles an: egon.biechl@drei.at
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Der Morgen einer Person in meinem Alter und in meiner Verfassung beginnt mit einer schwungvollen Gewichtsverlagerung aus dem Bett. Vorher schaue ich noch den Dehn- und Streckübungen meiner Frau zu, ohne mitzumachen. Ich genieße das Privileg, den Zeitpunkt meines Aufstehens frei wählen zu können. Er liegt zwischen halb sieben und halb acht Uhr. Die Einnahme der Medikamente, die ich häufchenweise zu mir nehme, richtet sich danach.

Zum Ausgleich für die Zubereitung des Mittagessens durch meine Frau, das Erfahrung und Kreativität verlangt, richte ich ohne viel Aufwand ganz automatisch das Frühstück. Es bleibt mir daher nur die Zeit für das Lesen der interessantesten Teile einer Zeitung beim Schlürfen des Kaffees, während meine Frau fünf Zeitungen liest und immer noch Gelegenheit findet, mir zwischendurch Teile davon vorzulesen.

Danach setze ich mich erwartungsvoll und mit großem Vergnügen hinter meinen Mac, lese E-Mails und Nachrichten aus den Social Media. Da ich dort viele Initiativen setze, kann ich auch viele Rückmeldungen genießen.

Manchmal lasse ich mich dazu bewegen, zusammen mit meiner Frau einen Spaziergang für die körperliche Ertüchtigung zu unternehmen. Der Unterschied in Alter und Gewicht lassen mich schlecht aussehen. Nicht nur dass ich manchmal eine Parkbank brauche, taumle ich auch durch die Gegend, als ob ich betrunken wäre. Aber von Bitter Lemon allein kann das nicht kommen. Die Ärzte kramen bei solchen Gelegenheiten immer wieder lateinische oder griechische Fachausdrücke hervor wie in diesem Fall Polyneuropathie. So etwas steht mir in meinem Alter eben zu.

Zurückgekehrt setze ich mich wieder voller Elan vor meinen Computer. Ich senke meinen Kopf so tief, damit ich Inhalte wahrnehmen kann, die nicht vom Bildschirm, sondern von meinem Erinnerungsvermögen kommen. Dann beginne ich eifrig zu schreiben. Es gilt, die Anfangsschwierigkeiten zu überwinden. Sobald ich das tatsächlich geschafft habe, lösche ich fast immer den ersten Absatz aus meiner neuen Geschichte. Anschließend foltere ich die Tastatur, bis zumindest ein Teil des geplanten Ganzen fertig ist. Beim Verfassen hilft mir die Erinnerung an meine früheren Taten und Untaten. Die unmittelbar vergangenen sind meinem Gedächtnis ohnehin leider oder zum Glück entronnen.

Um die Mittagszeit werde ich von meiner Frau mit dem Standardsatz „du kannst schon Händewaschen“ zum Essen geladen. Das ist meist eine willkommene, manchmal jedoch auch eine unliebsame Unterbrechung. Genießen tu ich das Mittagsmahl immer, denn meine geliebte Frau hat die Kochkünste meiner Schwiegermutter nicht vergessen, sondern vervollkommnet.

Wenn mir dann jedoch beim Abräumen des Tisches etwas hinunter fällt, stellt das schon ein Problem für mich dar. Das Bücken ist mit großer Anstrengung verbunden, sodass ich es manchmal durch Niederknien ersetzen muss. Und zum Aufstehen brauche ich jedenfalls einen festen Halt.

Sobald ich endlich die aktuelle Episode aus meinem Leben fertig habe, ist sie noch nicht fertig. Das Lektorat meiner Frau erfordert noch viel Nachdenken meinerseits, gibt mir jedoch auch eine gewisse Sicherheit.

Egon Poet
Ist das Opus „druckreif“, setze ich mich wieder an den Computer, diesmal an den Windows-Laptop, weil sich dort das Programm zum Hochladen und Veröffentlichen des Geschriebenen befindet. Oft benütze ich auch die Gelegenheit, Fotos oder Nachrichten in der Facebook-Gruppe mit meinen Ex-Kolleginnen und-Kollegen zu integrieren. Alternativ vergnüge ich mich im Kreise von Freunden mit dem Kartenspiel Whist, das fast jedem die Chance einräumt zu gewinnen.

Mit viel Gelassenheit beende ich den Tag fast immer vor dem Fernseher. Meistens vergesse ich dabei, wie ich schon so bin, die Computerbrille mit der Gleitsichtbrille zu tauschen. Meine Kopfhörer, die die Ohren meiner Frau und unserer Nachbarn vor einem zu hohen Geräuschpegel schonen sollen, rennen mir auch nicht nach. Die unvermeidlichen Medikamente vergesse ich nur in absoluten Ausnahmefällen. Dazu bin ich viel zu lebensfroh, will ich doch auch am Tag danach wieder schwungvoll mein beachtliches Gewicht aus dem Bett in eine aufrechte Stellung verlagern.

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