124. Episode aus meinem Leben – Schneepflug

Episoden aus meinem Leben

124 Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

 

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Im Jahr 1948 zieht unsere Familie vom Ötztal ins Tiroler Außerfern nach Lermoos. Hier wohnen wir in einem Haus, das meine Tante in eine sogenannte Fremdenpension, das „Haus Bergfrieden“, umbauen lässt. Knapp daneben – nur durch einen geschotterten Gemeindeweg getrennt – ist die Talstation eines Schilift-Typs, bestehend aus einem großen Schlitten für die Berg- und einem für die Talfahrt mit Platz für je vierundzwanzig Schifahrer auf sechs Sitzbänken.

Die hiesigen Nachbarskinder wecken in mir die Lust, es ihnen beim Schi-Fahren gleich zu tun. Ich habe zwar keine neuen Ski, wie sie nach englischen Vorbild heißen, aber gebrauchte genügen mir auch. Solche bekommt man hier in diesem Wintersportort ganz leicht. Sie haben zwar keine Stahlkanten wie die Schier der Profis, aber sie eignen sich sehr wohl zum Gleiten im Schnee. Auch dann, wenn sie einmal brechen, kann man sie gegen geringes Entgelt wieder zusammenleimen, „schäften“ lassen. Ich brauche das öfter als einmal. In solchen Situationen, bei denen meine Mutter schon wieder etwas finanzieren soll, ducke ich mich dafür gerne unterwürfig.

Ich kann zwar nicht gut Schi-Fahren, aber zum Schneepflug reicht es schon. Gäste aus dem Ausland können auch nicht mehr. Meist sind sie aber schwerer als ich. Das bemerke ich, als sich ein Holländer vor mir nicht einbremsen kann. Der Zusammenprall nimmt mir das Bewusstsein. Beim Aufwachen sehe ich, dass sich bereits viele Leute in großem Kreis um mich geschart haben, bevor man mich zum Arzt bringt.

Ein ähnliches Erlebnis habe ich beim Rodeln. Daran ist aber kein Ausländer schuld, sondern mein Übermut. Ich bin derjenige, der auch das steilste Stück bis ganz nach oben hinaufgeht. Beim Hinunter-Rodeln überschätze ich meine Fahrkünste und bleibe wieder einmal ohnmächtig liegen. Meine zwei siebenjährigen Kollegen sind sehr bestürzt und stützen mich beim Nachhausegehen.

Lermoos ist der Heimatort von Walter Schuster, dem Dritten bei der Olympiade 1956 im Riesentorlauf und von Josl Rieder, dem Slalom-Weltmeister 1958. Kein Wunder also, dass mich das animiert, einen Torlauf, den meine Schulkollegen gesteckt haben, zu fahren. Nach einem Tor verheddere ich mich in den restlichen Stangen und maße mir nie mehr an, „im Flaggen-Wald zu wedeln“. Ich bin zu ungelenk und habe einen Heiden-Respekt vor dieser Disziplin. Der ist auch darin begründet, dass Hilde Hofherr, mehrfache Österreichische Meisterin und erfolgreiche Teilnehmerin an Weltmeisterschaften und Olympiaden in Slalom, Riesenslalom, Abfahrt und Kombination, meine Firmpatin ist.

Im Gymnasium gibt es recht wenig Gelegenheit, mit meinen Schulgefährten Schi-Ausflüge zu machen oder gar eine Schi-Tour zu unternehmen. Und für einen Theologiestudenten im Ordensgewand ist Schi-Fahren ohnehin – fast – tabu.

 

Pian della Regina Schifahren
Erst etliche Jahre später kommt für mich die Gelegenheit, wieder Wintersport zu betreiben und mit Tochter und Stiefsohn Schi zu fahren. Jetzt haben wir Schier mit Stahlkanten und sind auch zeitgemäß für diesen Sport gekleidet.Allerdings gibt es bei dieser Gelegenheit auch aufregende Momente. Bei der Rückkehr von einem Schi-Ausflug mit den beiden komme ich ohne Schneeketten auf einer ungestreuten Bergstraße ins Schleudern. Dabei dreht sich mein Auto um die eigene Achse. Ich versuche es krampfhaft zu verbergen, erschrecke aber mehr als die zwei Kinder. Ich habe eine Riesen-Angst vor der vorhersehbaren dramatischen Reaktion meiner Frau und bitte die beiden, ihrer Mutter nichts und zwar gar nichts davon zu erzählen.

Jahre später bevölkere ich mit unseren Enkelkindern niederösterreichische Schipisten und bringe ihnen vor dem Unterricht bei Schilehrern bei, was ich fast schon verlernt habe. Aber es macht mir viel Vergnügen, trotzdem eine Art von Lehrmeister zu sein. Als sie bei Schi-Rennen Preise gewinnen, bin ich zusammen mit ihrer Großmutter riesig stolz auf sie.

Jetzt mit meinen 76 Jahren lebe ich nur mehr in der Erinnerung an damals. Bei alpinen Schi-Rennen im Fernsehen fiebere ich mit und bin – ganz klar – ein Fan der Österreicherinnen und Österreicher. Selber fahre ich nicht mehr. Ich stelle mir vor, dass es mir nach einem Sturz wohl sehr schwer fiele, wieder aufzustehen.

123. Episode aus meinem Leben – Weihnachtswunsch

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Ich bin 1942 in Innsbruck geboren und jetzt zweieinhalb. Zusammen mit meinen Eltern, dem einseitig beinamputierten Vater und der halblinden Mutter, wurde ich nach meiner Geburt nach Huben im Ötztal evakuiert. Für mich ist hier nichts anders, sondern alles neu.

Wir wohnen in einem verlassenen Bauernhaus. Zum Vater muss ich vom Hausflur ein paar Stufen zu seiner Werkstätte, der ehemaligen guten Stube, hinaufkraxeln. Er ist nach meiner Wahrnehmung fast immer dort, hat am rechten Auge eine Lupe eingeklemmt und arbeitet vorsichtig mit sehr kleinen Instrumenten an den Uhren einzelner Dorfbewohner herum. Die Wörter „Zahnrad“ und „Pinzette“ merke ich mir in diesem Zusammenhang. Ich bin gerne bei ihm. Aber er verjagt mich ständig mit den Worten „Ich brauche Ruhe bei meiner Arbeit!“

Deswegen spiele ich viel lieber im Freien. Dort grabe ich mit meinem Schauferl in Sand und Erde, die ich mit Wasser aus meinem Küberl breiig rühre.

Wie ich vom Hausflur zu meinem Vater hinaufgehen muss, muss ich zu meiner Mutter in die Küche hinuntergehen. Dort bin ich öfter. Beim Kochen störe ich viel weniger. Mein Schaukelpferd steht dort und meine Spielsachen liegen hier am Boden verstreut. Meine Mutter darf ich nur dann nicht stören, wenn sie „Karten legt“. Das macht sie nicht nur für sich selber, sondern auch für manche unserer Nachbarinnen. Dafür bekommt sie Milch und Butter. Einmal werden wir sogar zum Mittagessen eingeladen, bei dem eine achtköpfige Bauernfamilie um einen runden Tisch sitzt. Meine Mutter darf sich dazusetzen und ich darf – als einziger – auf der Bank stehen, weil ich sonst nicht in die riesige Pfanne mit Mus hineinlangen könnte. Mir gefällt meine Sonderstellung, bekomme ich doch auch ein spezielles Löfferl. Begleitet vom Kichern der anderen Kinder mampfe ich mit und lass es mir schmecken. Die „Mitesser“ haben auf einem Bord knapp unter der Tischplatte ihren eigenen Löffel liegen, den sie auch selber reinigen oder – besser gesagt – abschlecken.

Es naht Weinachten und meine Mutter fragt mich: „Was wünschst Du Dir vom Christkind?“ Ich sage, dass ich das nicht weiß. „Würde Dir ein Baukasten gefallen?“ „Jaaa!“ sage ich. Jeden Tag denke ich daran, dass ich bald einen Baukasten bekommen werde. Ich denke mir auch schon einen Platz dafür aus. Meine Mutter hat von einem Nachbarn ein kleines Fichtenbäumchen bekommen und schmückt es für den Heiligen Abend. Also heute Nacht kommt das Christkind, das ich bereits in einer Krippe liegen gesehen habe! Aber ich denke nicht an das auf Stroh gebettete Baby, sondern nur an meinen Baukasten.

Die Christbaumkerzen werden angezündet. Wir verharren in stummer Andacht. Singen ist nicht der Eltern Ihres. Die beiden wünschen sich nur alles Gute und zeigen mir dann die beiden Päckchen, die im Halbdunkel unter dem Christbaum liegen. Ich stürze mich darauf, wundere mich aber, dass sie so klein sind. Ein Baukasten ist doch viel größer! Ich reiße das Geschenkpapier herunter. In dem einen Packerl sind Schokolade-Kekse, im anderen Holzklöße, mit denen man spielen kann. „Und wo ist der Baukasten?“ frage ich. „Das ist doch der Baukasten!“ antwortet mein Vater. Die Enttäuschung ist mir ins Gesicht geschrieben. Ich hatte schon geplant, den Kasten für meine Spielsachen, den Baukasten eben, im Hausflur zwischen zwei Holzpfosten, Stützen für die mindestens hundert Jahre alte Keusche, aufzustellen und dort alles, was jetzt von mir auf dem Boden herumliegt, hineinzulegen. Ich kämpfe mit den Tränen.

 

Spielkiste Baukasten

trainingskompetenz® aktuell 2018 – 7

trainingskompetenz® aktuell  2018 – 7

„Die Sprache macht den Menschen aus…

Ina Biechl
Foto: Alexandra Grill

 

…Mein Wunsch: dass man wieder einen Ton miteinander hat. Einen, der diese Bezeichnung auch verdient. Und mehr Herzensbildung.“
(Michael Heltau, Zitat Kurier 2. Dezember 2018)
Auch Uwe Lübbermann (Presse 25. November 2018) spricht mir aus der Seele. Er stellt die Gleichwürdigkeit der Menschen in den Mittelpunkt. Auch wir versuchen seit vielen Jahren diese Gleichwürdigkeit durch Achtsamkeit und Wertschätzung in unseren Aus- und Weiterbildungen zu vermitteln. Ein gutes Miteinander beflügelt uns und macht den Arbeitsalltag leicht und freudvoll. Im kommenden Jahr werden wir uns daher auch verstärkt dem „Humor im Arbeitsalltag“ widmen, um dem Lachen und der Leichtigkeit mehr Raum zu bieten.

In diesem Sinne wünschen wir allen Leserinnen und Lesern fröhliche Festtage und einen beschwingten und spannenden Beginn 2019.
ina biechl und team

 

trainingskompetenz

 

Vorschau 2019

Schnupper-Workshop zum Kennenlernen unserer Arbeitsweise
jeden 2. Donnerstag im Monat jeweils 16:30 – 19:00 Uhr
Die Teilnehmenden bestimmen die Themen.
2019: 10. Jänner, 14. Februar, 14. März

Führungskräftetraining nächste Termine:

Konfliktmanagement
Thematisieren, nachfragen, klären
Wenn’s drunter und drüber geht – Möglichkeiten der Intervention
17. – 19. Jänner 2019 jeweils 09.30 – 18.00 Uhr

Arbeitsmoderation
Moderation – eine Technik? Eine Haltung? Beides!
22. – 23. Februar 2019 jeweils 09.30 – 18.00 Uhr

Stammtisch
für leitende Personen und alle, die gerne diskutieren und Erfahrungen austauschen
„mit Humor wird alles leichter“ Anregungen für den Arbeitsalltag
30. Jänner 2019 18.30 – 21.00 Uhr (kostenfrei!)

Weiterleiten von trainingskompetenz aktuell ist erwünscht. Wir freuen uns über jede Kontaktnahme!

Wir wünschen eine gute Zeit
Ina Biechl und Team

Ansichten & Einsichten – Wir können doch Du zueinander sagen?

Als Lehrtrainerin werde ich auch eingeladen bei Lehrgängen anderer Organisationen Seminartage abzuhalten. Wichtig für mich ist dabei, auch dann, wenn wenig Zeit zur Verfügung ist, eine Kennenlernrunde anzuleiten. Eine Vorstellrunde in der grossen Gruppe ist für viele Menschen unangenehm. In unseren Lehrtrainings beginnen wir jedes Modul mit einer anderen Methode, um die Vielfalt erlebbar zu machen. In diesem Fall bitte ich alle Personen mit jeder anderen Person der gesamten Gruppe in Kontakt zu treten und etwas zu erfragen, was sie über diese Person – noch – nicht wissen. Ich selbst beteilige mich an diesen Gesprächen und kann mich daher mit jeder Person austauschen. So lernen wir einander kennen und die Teilnehmenden können zu mir als Leitende dabei Vertrauen entwickeln.

Bei so einer Kennenlernrunde überraschte mich eine Teilnehmerin mit „Wir können doch Du zu einander sagen?“ Mein Impuls war, nicht darauf zu reagieren. Das ist ungewöhnlich bei mir. Ich bin für Klarheit und spreche gerne alles an und aus. In diesem Fall habe ich – wie bei einem Lehrtraining üblich – bei der Reflexion über diese Übung auch diese – meine – Reaktion zum Thema gemacht und erklärt: hätte ich JA gesagt, hätte es für mich nicht gestimmt. Hätte ich NEIN gesagt, wäre das eine rüde Zurückweisung gewesen, ganz unpassend für mich. Üblicherweise bin ich mit den Teilnehmenden per Sie. Bei Weiterbildungen, die länger dauern und Selbsterfahrungssequenzen enthalten, wo ich auch eigene Erfahrungen einbringe, ist für mich ein DU gerne möglich.

In den kurzen Beiträgen
geht es um praktische
Beispiele aus dem Alltag

einer Beraterin und Trainerin über erlebte Missverständnisse und schwierige Situationen. Hier gebe ich konkrete Anregungen für Verhaltensmöglichkeiten, wie mit Respekt, Wertschätzung, Humor und (angeleitetem) Erfahrungsaustausch einfühlsame Kommunikation und konstruktive Intervention möglich sind.

Über Ergänzungen und diskussionsfreudigen Austausch freue ich mich jetzt schon!Beiträge, die nicht veröffentlicht werden
sollen, bitte entsprechend anmerken!
 

Wie sag ich’s?
Für ein konstruktives Miteinander

Coachperson
Foto: Alexandra Grill

 

119. Episode – Antonella

 

Episoden aus meinem Leben

119 Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel
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Antonella ist Krankenschwester in einem Turiner Spital. Ich habe sie dort kennengelernt. Gegenseitiges Interesse ist aufgeflammt. Ich bekomme von unserem Pater Magister die Erlaubnis, sie bei ihr zuhause zu besuchen. Dort lerne ich ihre Mutter und später auch ihre Schwester kennen.

Der Padre Maestro, von dem ich die Genehmigung erhalten hatte, befragt mich anschließend über den Verlauf meines Besuchs bei Antonella, die viele von uns Klerikern in der Klinik kennen gelernt hatten. Ich schildere ihm die familiäre Atmosphäre, die ich bei dieser Gelegenheit erfahren durfte.

Das fasziniert auch ihn und einige andere aus unserer klösterlichen Gemeinschaft. Auch sie zeigen Interesse, dorthin mitzukommen. So organisiere ich ein Treffen. Wir feiern ein gemeinsames Fest bei Antonella, zu dem wir ein paar Flaschen Barbera, den typischen Piemonteser Rotwein mitbringen. Wir amüsieren uns köstlich, sodass sich solche Kontakte mehren und quasi zur Selbstverständlichkeit werden.

Fasching ohne Kostüm
(Wer findet mich?)

Vermischung

Handkuss auf klerikal

Handkuss

Allerdings bin immer noch ich der Koordinator für solche Begegnungen, was ich auch genieße. Ich bin auch derjenige, der öfter als alle anderen in der Wohnung von Antonella, die mittlerweile zu „meiner“ Freundin geworden ist, zu Gast ist.

Die Gastfreundschaft erwidern wir Klosterinsassen mit Gegeneinladungen in unseren Konvent. Ganz gegen die üblichen strengen Regeln jeder Niederlassung unseres Ordens haben wir im Klerikat, reserviert für uns Junge, noch immer keine Klausur. Padre Montá, der ehemalige General des Ordens, der jetzt bei uns Prior (der Erste unter Gleichen) ist, hält es, gefragt von unserem Pater Magister, nicht für vorrangig, die feierliche Zeremonie der Einsegnung einer Klausur für uns werdende Priester vorzunehmen. Die Klausur würde uns von allen Außenstehenden und vor allem von Frauen abschirmen.

Aufgrund dieser folgenschweren Achtlosigkeit sind wir den Versuchungen, die das Leben zu bieten hat, schutzlos ausgeliefert. Mittlerweile hat sich der kleine Personenkreis um Antonella um einige ihrer Freundinnen und Freunde erweitert, denen wir das ganze Riesengebäude im Anbau an die Basilika von Superga zeigen können. Spontan lade ich unsere Gäste auch in meine Zelle ein, wo ich studiere und schlafe. Antonella benützt es dazu, zusammen mit einem meiner Kollegen auf meinem Bett zu sitzen, eine Freundin von ihr, in den Schubladen meines Schreibtischs zu wühlen, und einen Freund, sich meinen Zweit-Habit anzuziehen und auf „fromm“ zu machen.

Doppelbett

Heim-Bett

Mustermönch

Frömmigkeit

Es ist kein weiter Schritt dazu, dass ich bis spät in der Wohnung von Antonella bleibe und mich von ihr mit ihrem Auto ins Kloster zurückführen lasse. Wir küssen uns, sie berührt mich „unsittlich“. Ich lasse das zu. Aber in meiner verbliebenen Tugendhaftigkeit und erfüllt von bedrohlichem schlechten Gewissen vermeide ich, bei ihr dasselbe zu machen. Stur beharre ich auf meiner ambivalenten Haltung und verabschiede mich, getrieben durch die Zwiespältigkeit meiner Gefühle.

Als ich später dann doch ihrem Drängen nachgeben will und in der Wohnung ihrer Schwester eine Liegestatt herrichte, kommt sie zu spät von der Arbeit, ist schockiert von meiner Aktion und – für mich ganz unerwartet – abweisend. Endlich wäre ich bereit gewesen …

Zwei Wochen später entscheide ich mich, meine klerikale Laufbahn an den Nagel zu hängen und nach Österreich zurückzukehren. Eine Zukunft in Italien ohne Beruf und ohne irgendeine Erfahrung im Alltagsleben scheint mir nicht erstrebenswert. Eine solche Variante ist mir, verankert im Kloster, nie on den Sinn gekommen. Ich verbringe die letzte Woche vor der Heimreise bei meinem Freund, der vor mir das Kloster verlassen hat. Sie versucht, mich zum Bleiben zu überreden. Vergeblich …

115. Splitter Episode – Alfred Heinrich

Episoden aus meinem Leben

115. Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel
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Nicht mehr wegzudenken aus meinem Leben ist Alfred, seit er mich zu unserer Hochzeit im Jahr 1993 unverblümt warnte: „Lieber Egon, Du hast heute „Ja“ gesagt, das wirst Du noch oft sagen müssen, das Übrige wird ohnehin die Ina sagen“. Das gibt mir natürlich zu denken, denn ganz so abwegig scheint mir diese Aussage nicht zu sein.

Zu meinem 60. Geburtstag neun Jahre später hält Alfred wiederum eine launige Rede, in der er – welche Freude für mich – feststellt: „Sie fand einen graden Michel, und heißt seither Ina Biechl …“ Das „Biechl“ erfüllt mich mit Stolz und lässt damit Alfred noch näher an mein Herz wachsen.

Alfred Heinrich ist ein Freund meiner Frau. Und so werde auch ich zu seinem. Hinter seiner humorvoll sarkastischen Art verbergen sich langjährige Erfahrung und Weltoffenheit. Kein Wunder also, dass ich ihn schätze. Er ist der Autor mehrerer Bücher und Mitbegründer des Kabaretts „Die Giftzwerge“. Er ist ein Genie, das – von Gerhard Bronner als „der“ Satiriker entdeckt – zusammen mit Lore Krainer „kilometerlange“ Textzeilen für die Radiosendung „Guglhupf“ schreibt. Wer konzipiert mehr Kilometer? Doch wohl er! Genauso wie die beiden warten auch Peter Wehle und Kurt Sobotka auf seinen wöchentlichen Beitrag. Zusätzlich verfasst er viele Jahre jede Woche eine Kolumne für „Die ganze Woche“.

Mir öffnet Alfred ganz unbewusst die Augen, dass es neben meiner Arbeit als Exportmanager noch anderes gibt, wofür es sich zu leben lohnt. Wenn auch nicht sofort, gewinne ich doch mit der Zeit die Überzeugung, dass später einmal auch für mich ein Platz unter denen zu finden ist, die ihre Gedanken nicht nur aussprechen, sondern auch niederschreiben.

Im Kurzfilm „Herr Herbert“, in dem Alfred den selbstgefälligen, hochnäsigen „Herrn“ spielt und durch antifeministische Aussagen den Feminismus propagiert, darf ich – jetzt bereits als freigespielter Pensionist – zusammen mit meiner Tochter und unter der Regie meiner Frau eine Nebenrolle spielen. Dabei tauchen Erinnerungen an Rollen auf, die ich bei Theaterstücken in meiner Jugend gespielt habe. Immer mehr beschäftigen mich Wach-Träume, mit der erforderlichen Kreativität zumindest bescheidenen Erfolg zu erzielen.

Alfred Heinrich gibt mir die Möglichkeit, einen weiteren Schritt in diese Richtung zu machen. Er lässt mich eine ausgedehnte Powerpoint-Show zur Präsentation seines Buches“ Und ewig raunzen die Wiener“ erstellen und bei vielen seiner Lesungen an diversen Orten vorführen.

„Und ewig raunzen die Wiener“
(bitte Bild anklicken)

Alfred Heinrich

„Sympathie mit Frauen“
(bitte Bild anklicken)

Alfred Heinrich

Das und der engagierte Einsatz meiner Angetrauten erfreuen und überraschen auch seinen Verleger, der uns – wer hätte das gedacht – zu einem lieben Freund wird.

Neben dem Ansporn durch viele Sympathisanten, insbesondere die Motivation durch meine Frau Ina, habe ich es vor allem der inspirierenden Anerkennung von Alfred Heinrich zu verdanken, dass ich beginne, „Gschichterln“ zu schreiben. Schließlich lande ich bei den „Splittern“, in denen ich – meinen Fähigkeiten und Schwächen angepasst – Episoden aus meinem Leben schildere.

kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Antal:
Alfred, der Großvater der Egon-Splitter“
Hannelore:
„ALFRED n.G. (nach Guglhupf)“
Brigitte:
„Mein ‚angeheirateter‘ Freund Alfred“
„Alfred kennen zu lernen – eine Bereicherung für mein Leben“
„Alfreds subtiler Humor“
Fritz :
Alfred, der Wahrsager“
Kommentare (autorisiert):
Antal:
Wohl dem, der so wie Du sich immer wieder von seinem Beruf zu emanzipieren weiß ! Wir Manager neigen ja dazu, unter dem Hinweis auf Zeitmangel („wer wichtig ist, hat Zeitmangel ….”) das geistig-kreative sträflich zu vernachlässsigen. Das rächt sich dann, weil uns irgendwann der Sinn zu entgleiten droht. Ich habe mich so dagegen gewehrt, dass ich 3x die Woche ins Outlook einen Termin eingegeben habe „Tu was, was ganz weit von Deinem Job entfernt ist!”. Hat halbwegs funktioniert…“
Hannelore:
„Das Wesen der Pension ist, dass alles eigentlich ganz anders ist, als wir uns das vor der Pension vorgestellt haben: Das Leben genießen, noch Dinge tun, die wir schon längst tun hätten wollen nach unserem langjährigen aufwendigen, stressigen manchmal auch freudvollen Arbeitsleben. Nicht mehr in dem Ausmaß gebraucht werden, genießen. – Das „süße“ Nichtstun hört sich nur während der Arbeitszeit gut an, aber es kommt eben ganz anders, als gedacht; obwohl es uns in Österreich im Verhältnis zu anderen Völkern gut geht. Du hast es mit Hilfe deiner Familie geschafft, dein Leben in endlosen Geschichten aufzuarbeiten.“
Brigitte:
„Wieder ein aufschlussreicher und unterhaltsamer Splitter ! Die zwei Szenen – köstlich !“

116. Episode aus meinem Leben – Aufstellung

Episoden aus meinem Leben

116. Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

 

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Bisher habe ich versucht,  die Misserfolge bei meinen Diäten einfach wegzustecken. Um endlich für mein Aussehen und damit auch meine Gesundheit eine dauerhafte Lösung zu finden, beschließe ich im Jahr 2006, eine Gruppenpsychotherapie zu beginnen. Die Gruppe besteht aus sechzehn Personen. Der Therapeut ist bekannt und anerkannt.

Zunächst regt er uns dazu an, unsere Ist-Situation genau zu durchleuchten und in Form von Zeitplänen niederzuschreiben: die auf 5 Minuten genaue Aufgliederung unserer täglichen Tätigkeiten, die exakten Termine dafür, die Zeit, die wir für Familienmitglieder und Freunde (mit Namens-Angabe) aufwenden … Besonders wichtig sind die zu Beginn benannten Problembereiche jedes einzelnen. Für mich sind es die Entwicklung bei Gewicht, Alkohol- und Tabakkonsum.

Am interessantesten finde ich die Aufstellungen im Rahmen des Psychodramas. Die Anliegen eines Gruppenteilnehmers werden so behandelt, dass alles, was zum Thema gehört, ob Problem oder Person, von anderen dargestellt wird. Damit hat der sogenannte Protagonist die Möglichkeit, seine Geschichte von außen zu sehen und zu beurteilen.

Heute bin ich dran und wähle Personen für die vom Therapeuten vorgeschlagenen „Ich’s“ und meine Probleme. Peter repräsentiert mich als 23-jährigen „Kleriker“, Juliane als „verdrossene erste Frau“, Fritz steht für mich als maßloser „Exportmanager“ und Heinz für mein jetziges „Ich“.

Es entwickelt sich folgendes Gespräch: Peter, der Mönch, zu Fritz, dem Manager: „Wieso bist Du als kompetenter Vertriebsmann Deiner Firma so übergewichtig geworden?“ Der antwortet: „Der Stress, meine Arbeit gut zu machen, hat mich veranlasst, auf die individuellen Bedürfnisse und Vorlieben meiner Kunden einzugehen. Da bleibt nicht viel Zeit für sportliche Betätigung. Die vielen Essens-Einladungen kann ich nicht ablehnen, sondern muss sie in meiner Position sogar selber aussprechen. Das ist absolut kontraproduktiv.“

Peter setzt nach: „Zum Wochenende bist Du aber doch zuhause bei der Familie. Ich stelle mir das als einen Ort der Geborgenheit vor, einen Platz, wo neben genüsslichem Kuscheln gemeinsame Unternehmungen im Vordergrund stehen, bei denen Du Dich ungehindert bewegen kannst. Oder?“

Juliane mischt sich ein und sagt, gewendet an Fritz und Heinz, meinen persönlichen Repräsentanten: „Ein genüssliches Kuscheln gibt es nicht. Gelegenheit und Freude an körperlicher Bewegung sind nicht vorhanden. Was ist doch aus meinen Ideal-Vorstellungen des Zusammenlebens zwischen Fritz und mir geworden? Zu Beginn unserer Beziehung war alles eitel Wonne gewesen? Warum jetzt nicht mehr?“

Das veranlasst Fritz zu Peter, dem Theologiestudenten zu sagen: „Abgesehen davon, dass es vielen Personen, insbesondere Managern, so geht wie mir, habe ich – wie Du siehst – das zusätzliche Handicap zu tragen, durch Deine Berufswahl nicht optimal für eine Liebesbeziehung, eine Ehe vorbereitet zu sein.“ Heinz meint: “Ich pflichte dem zu 100 Prozent bei.“

„Gehst Ihr jetzt auf mich los? Ihr lenkt von Eurem Problem, der Fettleibigkeit, ab! Auch ich habe keine geglückte Beziehung zu einer Frau. Nicht einmal offen reden darf ich über eine solche. Aber das hindert mich nicht daran, mein Gewicht zu halten. Ich bin zwar durch mein zurückgezogenes Klosterleben beeinträchtigt, aber handwerkliche Tätigkeiten wie die Reparatur von klosterinternen Elektro-Leitungen und das Fällen von Bäumen im Klosterwald halten mich fit.“

Heinz nimmt das Thema auf: „Du bist natürlich erhaben über jeglichen Vorwurf, mich durch Deine Entscheidung, ein eheloses Leben in Armut und Gehorsam zu führen, zu belasten. Das halte ich für die Arroganz der Frommen. Siehst Du denn Frauen als Menschen oder nur als Versuchung, gegen das Gelübde der Keuschheit zu verstoßen?“

Auch Peter weicht jetzt vom Thema der Adipositas ab: „Natürlich gehören Frauen genauso wie Männer zum Gottesvolk, für das ich als künftiger Seelsorger verantwortlich sein werde. Und natürlich ist es so, dass ich jetzt, knapp nach meiner wohlüberlegten Entscheidung für ein gottgeweihtes Leben nicht von geilen Mädchen und Frauen davon abgehalten werden möchte. Der Ordenshabit und die damit zur Schau getragene Haltung, auf sexuelle Kontakte mit Frauen zu verzichten, ist für viele von ihnen ohnehin ein zusätzlicher Ansporn, den attraktiven ‚Mann‘ zu wecken, damit er ‚der Welt nicht verloren geht‘.“

Fritz, der Manager: „Unterliegst nicht auch Du manchmal dem weiblichen Charme, den Du eigentlich komplett ausklammern müsstest?“

„Was soll das mit Deinem Übergewicht zu tun haben? – Ja, natürlich gibt es so etwas, ich bin eben auch kein Übermensch. Und die mit meinem Entschluss eingeschlagene Linie will ich – motiviert durch das Vorbild vieler meiner Mitbrüder – beibehalten.“

Heinz zum Abschluss: „Das Übergewicht ist doch nur ein Ausdruck für meine Probleme, die ich nach wie vor nicht bewältigt habe. Gerade die Tatsache meiner klösterlichen Vergangenheit ist der Grund dafür, dass ich nach wie vor ein gestörtes Verhältnis zu Frauen habe. Ich glaube mehr denn je, dass mein Verhältnis zur Sexualität dadurch nach wie vor gestört ist und ich – obwohl jetzt glücklich verheiratet – immer den Gedanken vor Augen habe, nach Möglichkeit jeden – nicht nur wie andere außerehelichen – Sexualkontakt vermeiden zu müssen. Meine Fettleibigkeit ist da eine absolute Randerscheinung.“

Diese Sequenz ist ein kleiner Ausschnitt aus meiner fünfjährigen Gruppenpsychotherapie. Dabei wird mir einiges klar im Bezug auf mein jetziges Leben. Aber sich klar werden und sich ändern sind zwei Paar Schuhe. Spurlos vorübergegangen sind diese fünf Jahre jedenfalls nicht.

Karikatur „Chi é ?“ (Wer ist es ?), gezeichnet 1968 von meinem
„Kollegen“ Fra Giorgio über mich, Fra Clemente, wie ich damals hieß.

Zölibat

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114. Splitter – zwei Heimaten

Episoden aus meinem Leben

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Heute reise ich nach Tirol, meine Heimat, weil mich Internats-Kollegen aus meiner Innsbrucker Gymasialzeit zu einem Treffen eingeladen haben. Ich plane, bei dieser Gelegenheit auch meine Cousine und den Verwandten, der kürzlich seinen siebzigsten Geburtstag in Wien gefeiert hat, zu besuchen.

Er holt meine Frau und mich vom Innsbrucker Bahnhof ab und bringt uns zu der reservierten Unterkunft.

Die erste Nacht ist vorbei, ich studiere die Karte von Innsbruck und finde souverän zu meiner Cousine. Wie vereinbart treffe ich sie in ihrer neuen  altersgerechten Bleibe. Ich bin bass erstaunt, dass sie mit ihren neunzig Jahren noch so viel weiß, was aus meinem Gedächtnis bereits verschwunden ist. Sie erzählt mir von gemeinsamen Erlebnissen und – für mich neu und interessant – dass mein Stiefbruder Heini, der Adoptivsohn meines Vaters, Pepi, die Frau seines Onkels geheiratet hat. Mich als Ahnenforscher freut es sehr, dass ich diese Lücke in meinem Stammbaum füllen kann, obwohl die genealogische Plattform „My Heritage“ gar nicht imstande ist, diese Tatsache darzustellen.

 

BiechlOffensichtlich hat sie den Termin unseres Treffens so festgelegt, dass ich dabei auch eine Vertreterin ihrer Enkelgeneration und deren Sohn treffe. Ich freue mich über dieses Arrangement und darüber, dass ich endlich diesem ihrem Urenkel  begegne. Er zeigt sich zunächst unnahbar, taut aber auf, als er mein Interesse an seiner Position beim Fußballspiel bemerkt.

 

Den Rückweg schaffe ich unter Zuhilfenahme des Stadtplans problemlos. Dadurch verwöhnt lehne ich am nächsten Tag ein Taxi für die Fahrt zum Bahnhof ab. Meine Frau traut mir nicht ganz, begleitet mich, vermeidet dabei  die Hauptstraßen und führt mich durch  Nebengässchen. Schließlich gehen wir trotz ihres guten Orientierungssinns in die Irre. Beide kennen wir uns nicht mehr aus. Ich will hartnäckig nach links, weil wir dort mit dem Auto vom Bahnhof zur Pension gefahren sind, sie nach rechts. Sie hat schließlich recht. Links gibt es nämlich nur eine Autostraße, wo Fußgänger ausgeschlossen sind. Innsbruck
Endlich in Imst, dem Hauptziel meiner Reise, angekommen treffe ich mit den vier Verbliebenen  aus unserer Runde zusammen. Wir erzählen uns Schwänke von damals. Dabei tauchen viele von mir bereits vergessene Namen von Mitschülern auf, auch von solchen, die nicht zusammen mit uns im Internat der Serviten waren. Eine Anekdote bringt mich zum Schmunzeln: Ein Landpfarrer aus der Umgebung zeigte sich bei der Erstkommunion wegen des zur Unterstreichung der Feierlichkeit verzögerten Ablaufs gelangweilt und desinteressiert. Der Diakon stieß ihm deswegen ans Schienbein. Als er die Feierlichkeit der Zeremonie weiterhin missachtete, stellte sich der Diakon vor ihn und gab ihm links und rechts eine Ohrfeige, sodass der „Seelenhirte“ seine Brille verlor und in die Sakristei stolpern musste.

Obwohl wir nach Möglichkeit alle Priester werden sollten, hat keiner von uns dieses Ziel erreicht. Zwei von uns traten nicht in den Orden der Diener Mariens ein, einer blieb vier Monate, einer vier Jahre, nur ich hielt es sechs Jahre aus. Sie sind im religiösen Umfeld verblieben,
nur ich bin aus der Kirche ausgetreten.

Nach unserem interessanten und lustvollen Treffen in Imst fahre ich zurück nach Innsbruck. Dort nehme ich  zur Sicherheit mein Handy zur Hand und finde damit schnurstracks bis fünfzig Meter vor unsere Pension. Aber von einem Moment zum anderen gerate ich in Verwirrung und gehe daran vorbei. Bald kenne ich mich nicht mehr aus und kontaktiere meine Frau telefonisch. Sie versucht mir zu helfen. Das stellt  sich dann aber nur als Behinderung heraus, weil damit mein Handy als Retter in der Not ausfällt. Als ich mich endlich anders entscheide und nur mehr auf den Navigator sehe, finde ich mich allmählich im Zusammenspiel zwischen Straßennamen und Handy wieder zurecht. Eine zusätzliche Stunde vergeht bis zum Eintreffen bei ihr.

Ich bin erleichtert, dass sie mir nicht vorhält, ich hätte entgegen ihrem Vorschlag, ein Taxi für die Rückfahrt zu nehmen, den Fußweg genommen. Beim Abendessen mit unserem weitschichtig verwandten Freund haben wir den Zwischenfall bereits vergessen. Die Gespräche mit ihm bringen uns auf andere Gedanken und ich entdecke sogar Gemeinsamkeiten in unserem Leben.

Es ist aber vollkommen klar, dass wir am Abreisetag das Taxi nehmen werden. Wir verlassen Innsbruck, welches mir nach so vielen Jahren fremd geworden ist, gerne und freuen uns auf unser gemütliches Zuhause in meiner neuen Heimat Wien.

113. Episode – Betriebsrat

Episoden aus meinem Leben

113. Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

 

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Weihnachtsfeier Betriebsfeier

 

„Sie sind ein Aufsichtsratsvorsitzender, den wir schätzen, weil unsere Firma unter Ihrer Führung prosperiert und besser dasteht als die Konkurrenz. Was Sie jetzt von uns verlangen ist die Bereitschaft einzuwilligen, über das gesetzliche Maß hinaus Mehrarbeit zu leisten. Uns beängstigt die Situation, den Entscheidungen unserer Chefs ausgesetzt zu sein, die nach ihrem Gutdünken unerwartet Überstunden anordnen können.“ Das ist etwas, was ich bei einer Betriebsversammlung vor der großen Mannschaft in der Fabrik gesagt habe.

Zum Weihnachtsfest der Firma hält unser Chef normalerweise eine passende Ansprache, für die ich mich bedanke. Heuer ist er durch Sitzungen von der Teilnahme abgehalten. Er schickt uns seinen Vize, der voraussichtlich etwas später eintreffen wird.

Ich – als Betriebsrat unserer Verkaufsabteilung in Wien – richte daher zunächst meine Worte an die zirka 40 Angestellten, die dort beschäftigt sind. „Liebe Kolleginnen und Kollegen, unserer Firma geht es – Gott sei Dank – gut und wir haben allen Grund, Weihnachten auch im Lichte unseres Erfolgs zu feiern.“

Der Stellvertreter unseres obersten Chefs kommt tatsächlich bald mit Weihnachts-Glückwünschen. Dann gelangt er zum wesentlichen Teil seiner Botschaft. Wir hätten im Jahr 1998 ein Jahrhundert-Ergebnis eingefahren, müssten aber befürchten, dass sich die Kostensituation ab jetzt so verschlechtere, dass wir in der unmittelbar bevorstehenden Zukunft gemeinsame Anstrengungen unternehmen müssten, um nicht von der geänderten Situation überfahren zu werden. Trotzdem könnten wir für heuer eine Prämie erwarten.

Ich frage ihn, wie hoch die wäre, bekomme aber eine ausweichende Antwort. Sie müsse erst berechnet werden. Sie werde zwar bescheiden aber spürbar sein.

Seinen Hinweis auf die Zyklen in der Papierindustrie, die 1999 talwärts laufen, kommentiere ich: „Wir sind davon überzeugt, dass wir nach den riesigen Erfolgen im vergangenen Jahr weiterhin ein gutes Ergebnis bringen werden. Von Produktionskürzungen ist derzeit keine Rede. Also finde ich das geschilderte Szenario übertrieben.In unser aller Interesse bilden wir gemeinsam mit unseren Vorgesetzten ein zusammengeschweißtes Team, wenn es dabei auch manche Schweißnähte gibt. Jetzt schon sind wir glücklich über die Erfolge, die wir bei der Zusammenarbeit mit der eben erst in den Firmenverband aufgenommenen russischen Papierfabrik erzielt haben. Wir werden uns auch den künftigen Herausforderungen stellen.“

Da der Firmenbeauftragte bald schon wieder weg muss, wünsche ich – in der Art eines Klosterbruders, der ich einmal war – allen ein geruhsames Weihnachtsfest im Kreise ihrer Lieben und kündige an: „Das Buffet ist eröffnet.“