113. Episode – Betriebsrat

Episoden aus meinem Leben

113. Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

 

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Weihnachtsfeier Betriebsfeier

 

„Sie sind ein Aufsichtsratsvorsitzender, den wir schätzen, weil unsere Firma unter Ihrer Führung prosperiert und besser dasteht als die Konkurrenz. Was Sie jetzt von uns verlangen ist die Bereitschaft einzuwilligen, über das gesetzliche Maß hinaus Mehrarbeit zu leisten. Uns beängstigt die Situation, den Entscheidungen unserer Chefs ausgesetzt zu sein, die nach ihrem Gutdünken unerwartet Überstunden anordnen können.“ Das ist etwas, was ich bei einer Betriebsversammlung vor der großen Mannschaft in der Fabrik gesagt habe.

Zum Weihnachtsfest der Firma hält unser Chef normalerweise eine passende Ansprache, für die ich mich bedanke. Heuer ist er durch Sitzungen von der Teilnahme abgehalten. Er schickt uns seinen Vize, der voraussichtlich etwas später eintreffen wird.

Ich – als Betriebsrat unserer Verkaufsabteilung in Wien – richte daher zunächst meine Worte an die zirka 40 Angestellten, die dort beschäftigt sind. „Liebe Kolleginnen und Kollegen, unserer Firma geht es – Gott sei Dank – gut und wir haben allen Grund, Weihnachten auch im Lichte unseres Erfolgs zu feiern.“

Der Stellvertreter unseres obersten Chefs kommt tatsächlich bald mit Weihnachts-Glückwünschen. Dann gelangt er zum wesentlichen Teil seiner Botschaft. Wir hätten im Jahr 1998 ein Jahrhundert-Ergebnis eingefahren, müssten aber befürchten, dass sich die Kostensituation ab jetzt so verschlechtere, dass wir in der unmittelbar bevorstehenden Zukunft gemeinsame Anstrengungen unternehmen müssten, um nicht von der geänderten Situation überfahren zu werden. Trotzdem könnten wir für heuer eine Prämie erwarten.

Ich frage ihn, wie hoch die wäre, bekomme aber eine ausweichende Antwort. Sie müsse erst berechnet werden. Sie werde zwar bescheiden aber spürbar sein.

Seinen Hinweis auf die Zyklen in der Papierindustrie, die 1999 talwärts laufen, kommentiere ich: „Wir sind davon überzeugt, dass wir nach den riesigen Erfolgen im vergangenen Jahr weiterhin ein gutes Ergebnis bringen werden. Von Produktionskürzungen ist derzeit keine Rede. Also finde ich das geschilderte Szenario übertrieben.In unser aller Interesse bilden wir gemeinsam mit unseren Vorgesetzten ein zusammengeschweißtes Team, wenn es dabei auch manche Schweißnähte gibt. Jetzt schon sind wir glücklich über die Erfolge, die wir bei der Zusammenarbeit mit der eben erst in den Firmenverband aufgenommenen russischen Papierfabrik erzielt haben. Wir werden uns auch den künftigen Herausforderungen stellen.“

Da der Firmenbeauftragte bald schon wieder weg muss, wünsche ich – in der Art eines Klosterbruders, der ich einmal war – allen ein geruhsames Weihnachtsfest im Kreise ihrer Lieben und kündige an: „Das Buffet ist eröffnet.“

112. Episode – Formulare, Formulare …

 

Episoden aus meinem Leben

112. Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel
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Promotopnal Support Agreement
Im 33. Jahr meiner Berufstätigkeit nähere ich mich ihrem Ende. Mittlerweile bin ich erfahren genug, den extravaganten Wünschen meiner Chefs unterschiedlichen Rankings nicht beide aber zumindest ein Ohr zu schenken, ihre Machbarkeit nicht in Frage zu stellen und mich auf die unausbleiblichen Probleme zu stürzen. Kompliziert, wie ich denke, finde ich immer vorhandene und voraussichtliche Varianten, die zu berücksichtigen sind und denen ich mich widmen muss. Hartnäckig, wie ich bin, ersinne ich oft Lösungen, über die ich selbst staune.Auf verschlungenen Wegen konzipiere ich knifflige und damit für herkömmliche Arbeitskameraden zunächst unbegreifliche Formeln und Abläufe, die meine – sonst übliche – Beliebtheit untergraben. Dabei versuche ich nur, Auswahlmöglichen aus unterschiedlichen Datenbanken zur Verfügung zu stellen. Diese Datenbanken beinhalten mehr als zweitausend Kunden aus mehr als hundert Ländern, aufgeteilt auf mehr als dreißig verschiedene Geschäftstypen wie Einzelhändler, Großhändler, Drucker, Mitglieder von internationalen Kundengruppen etc. Die wiederum multiplizieren sich mit den vielen Verpackungen, in denen wir unser Papier liefern. Die Anzahl dieser Emballagen wollen wir reduzieren, indem wir unzählige gut strukturierte Promotionen anbieten.Die Leidtragenden bei dieser Aktion sind meine achtzehn Kolleginnen und Kollegen in der Verkaufsabteilung. Ihnen muss ich zum Ausfüllen der stolz mit „PSA oder Promotional Support Agreement“ benannten von mir ausgearbeiteten Formulare Unterstützung bieten. Ich stelle eine Gebrauchsanweisung bei, die ich „Help Documentation“ nenne. Die umfasst – für den, der die Komplexität noch immer nicht begriffen hat – 14 (vierzehn Seiten).Auszüge gefällig?„Personalization is effected with your name, stored in your Excel under Tools\Options\General\User Name (Extras\Optionen\Allgemein\Benutzername).“Oder ein anderes Detail, übersetzt aus dem englischen Original:
„Preise sollen über der Marke pro Tonne (nicht pro Ries) eingegeben werden. Die dafür vorgesehenen Zellen sind in € (Euro) formatiert. Sie sollen gemäß der angebotenen Aktion reduziert sein. (z.B. für eine ‚4+1-Aktion‘ sollen sie 80% des normalen Preises beziehungsweise Null für freie Fabriksmarken in einer ‚bundling action‘ sein)! Bitte beachten, dass Preise und nicht die ‚Netto-Erlöse ab Werk‘ gemeint sind.“

Wen wundert es, dass vier Jahr später anlässlich meiner Pensionierung mit 65 in der Denkschrift zu meinen Ehren eine Passage lautet:

„ Die größte Schöpfung der letzten Jahre allerdings – und wir sprechen nicht nur innerhalb der Mondi – ist DAS PSA – Promotional Support Agreement! Nur wenigen unserer Kollegen war es vergönnt, die subtilen Facetten der Vereinbarung zu verstehen, noch es ihren Kunden näher zu bringen, weil – siehe oben – die Rechnerleistung im Jahr 2005 nicht für solch komplexe Interaktionen zur Verfügung stand und der PC schon vorher ex ging! Auch sah man Rauch aus den Ohren junger Kollegen steigen, wenn sie sich ohne Schutzausrüstung das 1. Mal einem PSA näherten.“

Stammbaum Hilfe-Anweisung
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111. Episode aus meinem Leben – zusammengefallenes Bett

111. Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

 

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Die ab und zu erforderliche Reinigung des Fußbodens unter unserem Doppelbett steht an. Die Systemrahmen, so heißt jetzt der Ersatz für die früheren Lattenroste, sind mit den verstellbaren Liegepositionen und den dafür erforderliche Motoren viel schwerer als die ohnehin schweren Matratzen. Lässig übernehme ich die schwere Aufgabe, sie in passende Position fürs Staubsaugen zu bringen. Aber ich bin ein Laie und überschätze mein Geschick, das dafür erforderlich ist. Ein Systemrahmen fällt auf den Balken zwischen den beiden Liegeflächen und lässt ihn einknicken. Was tun?Ich nehme also die beiden Bruchstücke des Kantholzes unter der den Arm und gehe in einen Laden für Selbstbaumöbel. Beim Anmarsch mache ich gedanklich Bestandsaufnahme der erforderlichen Werkzeuge, um selber das beschädigte Ersatzteil zu reparieren. Ich habe Lochsägen und Stichsägen und jede erforderliche Art von Schrauben inklusive Längs- und Kreuzschlitz-Schraubendrehern. Also kein Problem! Die Schwierigkeit besteht nur darin, dass der Verkäufer klarstellt, ein Brett dieser Breite und Dicke wäre nicht lieferbar.
Es bleibt mir also nicht erspart, die Rechnung für die gesamte Schlafzimmereinrichtung herauszusuchen. Sie datiert vom Jahr 2004. In der Hoffnung, dass der Hersteller das Ersatzteil lagernd hat oder zumindest erzeugen kann, rufe ich beim damaligen Lieferanten an. Ich habe viel Mühe, mein Anliegen begreiflich zu machen. Mein Telefon-Partner versteht nicht, was die „Mittelkonsole eines Doppelbetts“ sein soll. Erst als ich die Kaufvertrags-Nummer von damals nenne versteht er, dass es sich um eine „Traverse“ handelt. Jetzt geht es rasch. Nach einer Rückfrage beim Hersteller des Betts ist geklärt, dass das Ersatzteil lieferbar ist. Der Preis ist mir in diesem Moment ziemlich egal. Das Bestellformular würde mir zum Zweck der Unterschrift noch am selben Tag gemailt.Meine Frau und ich überlegen uns, wie wir diese und künftige Nächte schlafen sollen. Wir wählen die einfachste Variante und legen Systemrahmen und Matratze auf den Boden zwischen den „Begrenzungsborden“ (wie das wohl fachgerecht heißt?). Kann doch nicht so schwer sein! Abends steigen wir fast mühelos in unsere Schlafhöhle ein. Als ich in der Nacht auf die Toilette muss, schaffe ich es trotz aller möglichen und unmöglichen Verrenkungen nicht, über das Seitenbord wieder auszusteigen. Ich reiße damit meine Frau aus dem Schlaf. Sie ist viel geschickter als ich und hilft mir durch Handreichen aus meiner misslichen Lage. Da ich noch weiterschlafen will, nehme ich mir jetzt einen Regenschirm als Halterung an einem Mauervorsprung mit, damit ich das Handikap allein bewältigen kann. Den Schirm brauche ich dann aber nicht, weil ich – höchst ungewöhnlich – gleichzeitig mit meiner Frau aufstehe und ihre entgegengestreckte Hand ergreife.
Stammbaum
Da das angekündigte Formular auch am nächsten Tag nicht kommt, mache ich mir über die Gültigkeit unserer Abmachung Sorgen. Der Berater von der Service-Line hört sich die mittlerweile fachgerechte Schilderung meines Anliegens an. Er gibt zu, nicht zu wissen, ob mein Wunsch erfüllbar wäre. Als ich ihm versichere, bereits eine fixe Zusage zu haben, fragt er mich, von wem ich diese erhalten hätte: „Wenn sie seinen Namen nicht kennen, kann ich leider nichts für Sie tun. Der betreffende Mitarbeiter kann außer Haus sein. Sogar in Urlaub kann er sein. Es tut mir leid.“ Da er auflegt, rufe ich noch einmal an und bemerke durch ein Knacksen in der Leitung, dass man mich wieder in die Warteschleife befördert hat. Erst beim fünften Anruf spreche ich mit dem „Fachmann“ von vorher, gebe mit erhobener Stimme meinem Ärger Ausdruck und frage, ob es in dieser Riesenfirma nur einen Zuständigen gäbe: „Verbinden Sie mich mit dem Mitarbeiter, der Bescheid wissen müsste, auch wenn er dazu nicht die Qualifikation hat. Nennen Sie mir vorsichtshalber seinen Namen und Ihren eigenen dazu.“ Gleich danach bin ich mit dem Ansprechpartner von gestern verbunden. Der ist sofort im Bilde und entschuldigt sich. Nach einem Monat würde ich den fehlenden Teil bekommen …

Wie wir in der Zwischenzeit unsere Schlafsituation organisieren? Das ist eine andere Geschichte.

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110. Episode aus meinem Leben – Religion unter Freunden

Episoden aus meinem Leben

110. Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

 

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Der 70. Geburtstag von Fritz ist für mich der Anlass, ihm einen ganz persönlichen Splitter zu widmen respektive Brief zu schreiben:

Lieber Fritz,
so viel ich mich auch bemühe, wir sind nicht wirklich (bluts)verwandt. Meine Schwiegertante ist Deine Tante und mein Onkel ist Dein Schwiegeronkel. Allerdings lässt sich unsere Beziehung zueinander auch anders beschreiben: Wir sind seelenverwandt. Beide sind wir aus Innsbruck und auch bei unseren Hobbies gibt es Übereinstimmungen. Wie Du bin ich an der Ahnenforschung und an Lebensgeschichten interessiert.

Stammbaum_Egon

 

Für die Episoden aus meinem Leben schenkst Du mir sogar Titel-Vorschläge. Leider schreibst Du nichts über Dein Leben, das – soweit ich das derzeit beurteilen kann – nicht weniger ereignisreich war als meines.

Bei unseren Telefongesprächen plaudern wir über das, was uns derzeit beschäftigt und das, was sich in unserer Vergangenheit ereignet hat. Unter anderem kommen wir auf unser Verhältnis zur katholischen Kirche zu sprechen. Du weißt von den Geschichten aus meinem Leben, dass ich im Kloster war und Priester werden wollte. Was ich vorher nicht wusste ist, dass auch Du einen näheren Bezug zur katholischen Kirche hattest. Bei Dir allerdings konnte man nur von einer ernst genommenen Ausübung der Pflichten als Mitglied der Kirchengemeinde und nicht – wie bei mir – von dem endgültigen Entschluss, die klerikale Laufbahn einzuschlagen, reden. Wie Deine Eltern, Deine Großeltern und wohl auch Deine anderen Vorfahren warst Du – damals mehr noch als heute – praktizierender Katholik.

Aus Deinen Erzählungen weiß ich nun, dass der örtliche Pfarrer keine Ahnung von finanziellen und organisatorischen Belangen hatte. Er kümmerte sich nur um das Seelenheil seiner Schäflein. Du stelltest also Deine besonderen Talente in den Dienst der Pfarre und brachtest deren wirtschaftliche Angelegenheiten wieder in Ordnung. Darüber hinaus durchleuchtetest Du auch die organisatorischen Abläufe bei den jährlichen Hochfesten wie Weihnachten, Ostern, Fronleichnam und ähnlichen. Bis zu Deinem Eingreifen mussten die freiwilligen Kirchen-Helfer die Symbole des jeweiligen Festes auf Leitern zirka sechs Meter über den Altarraum hochhieven. Dabei riskierten sie ständig, hinunterzustürzen und folgenschwere Verletzungen davonzutragen. Diesbezüglich reduziertest Du das ungeheuere Gefahrenpotential auf ein Minimum, indem Du die erforderlichen Bestandteile woanders anbringen und zwischendurch an fixen Plätzen verstauen ließ. Du ordnetest also nicht nur die finanziellen Aufgaben, die in der Pfarre anstanden, sondern auch die sicherheitstechnischen Angelegenheiten. Das verlangt mir große Bewunderung ab.

Mein Bezug zur katholischen Kirche war nicht durch die Tradition meiner Vorfahren begründet, sondern viel eher dadurch, dass unser Herr Pfarrer meiner Mutter die Sorge um mich abnahm, als sie ins Krankenhaus musste. Logischerweise entstand dadurch ein gewisses Naheverhältnis.

Die religiöse Vorgeschichte meiner Eltern jedoch war etwas durchwachsen. Mein Vater wurde in Jenbach im Tiroler Unterinntal katholisch getauft, trat jedoch im Jahr 1936 zur evangelischen Glaubensgemeinschaft, Augsburger Bekenntnis über. Vor meinen genealogischen Nachforschungen war mir das unbekannt gewesen. Bezeichnend für sein Leben war es allemal. Danach war es für mich keine Neuigkeit, die mich aufgeregt hätte.

Bei meiner Mutter hingegen verlief die religiöse Laufbahn umgekehrt. Über sie wusste ich, dass sie bei ihrer Geburt evangelisch gewesen und erst später zum katholischen Glauben übergetreten war. Aus den Briefen ihres strenggläubigen väterlichen Freundes, die ich immer noch besitze, erfuhr ich Näheres. Er hatte sie zu diesem Schritt veranlasst und war bei der Taufzeremonie ihr Pate gewesen Das musste im Jahr 1932 passiert sein, ähnlich wie der Bekenntnis-Wechsel bei meinem Vater. Auf diese Weise ergaben sich für die verschiedenen christlichen Religionen nur kurzfristige Mengenverschiebungen.

Was uns beide besonders verbindet? Es ist ein gewisses Konkurrenzdenken. Von unseren beiden Töchtern ist eine hübscher als die andere, eine gescheiter als die andere und eine lebenstüchtiger als die andere.

Wozu ich Dich bewegen möchte? Ich wünsche mir, dass Du mir die Möglichkeit gibst, Deine Lebenserinnerungen zu lesen und mit Dir zu besprechen, wie wir es jetzt bei meinen machen.

Für das kommende Jahrzehnt, beginnend ab heute, wünsche ich Dir, dass Du Dein Leben in vollen Zügen genießt.

Dein Freund Egon“

109. Episode aus meinem Leben – Noviziat

109. Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

 

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Monte Senario
Es gibt täglich Zeitungen, Kino, Radio und Fernsehen. Unser Pater Magister meint, dass das zu einer Reizüberflutung führt, die Konzentrationsfähigkeit reduziert und auch die Lust, ernsthaft zu arbeiten. Wer glaubt, man müsse alles gesehen haben, um mitreden zu können, erliege oft verkappter Eigenliebe. Man muss nicht unbedingt alles haben, was der heutige Lebensstandard an Gütern, Annehmlichkeiten und Genüssen anzubieten hat. Bescheidene Lebensführung ist angesagt.1963, im Jahr zwischen Matura und Universitäts-Studium bin ich im Noviziat der Patres Serviten. Hier lerne ich zusammen mit zwei Mitbrüdern die gesamte Geschichte der Diener Mariens seit 1233, dem Jahr der Gründung, kennen. Das ist für uns drei, die wir ein Leben in diesem katholischen Orden anstreben, sehr interessant.Noch aufschlussreicher sind für uns die Regeln des Kirchenvaters Augustinus, nach denen unsere Altvordern leben sollten und die prinzipiell auch heute noch gelten. In 25 Kapiteln  wurden damals die strengen Regeln festgelegt: Beichten pro Woche zweimal, absolutes Stillschweigen während der Nacht, Mahlzeiten ohne Fleischgenuss, Fasten mit Wasser und Brot am Karfreitag, Schlafen im Ordensgewand, Tonsur als Haarkranz mit höchstens drei Zentimetern Breite, Reisen ohne Silberstücke, sondern nur mit maximal 10 Soldi (die heute einem Wert von zirka 300 Euro gleichkommen). Die Mönche waren weder berechtigt, mit Frauenspersonen zu sprechen, noch Briefe ohne Zensur des Pater Prior zu versenden. Illegitime Kinder durften nicht in den Orden eintreten. Natürlich durften solche auch nicht produziert werden. Die Begründer des Ordens nahmen ihr einsiedlerisches und karges Leben so ernst, dass der Gesandte des Papstes Gregor IX. ihren „Leidensdurst“ mäßigen musste.

Bei unserem Eintritt ins Kloster, 730 Jahre danach, müssen auch wir die Gelübde der Armut, Keuschheit und des Gehorsams ablegen und im Geiste der Buße, der Übernahme eigener und auch fremder Schuld, leben. Neben dem Grundsatz, nicht vorzugeben, man halte dieses Leben nicht aus, wird uns allerdings auch vermittelt, dass wir beim Fasten darauf achten sollen, einen Überschuss an Kräften zu bewahren, um unseren apostolischen Aufgaben nachkommen zu können. Einige Bräuche von damals sind – in abgeschwächter Form – auch heute noch übrig geblieben: Beichten möglichst unmittelbar nach dem Vergehen, Stillschweigen bei der Tischlesung, Fisch am Freitag (allerdings mit einem Bier), Ausschneiden eines kleinen Büschels Haare anläßlich der Einkleidung mit dem Ordensgewand (anschließend für niemanden sichtbar), Zuteilung einer  Summe Geldes für Reise- oder andere gerechtfertigte Ausgaben

Wir streben danach, diese Auflagen nach Möglichkeit zu erfüllen. Im Noviziat fällt uns das besonders leicht, verweilen wir doch ausnehmend lange in unserer Zelle, wo wir schweigen und – neben dem gemeinsamen Beten im Chorgestühl – über unsere Eignung zu diesem Beruf meditieren. Wir verlassen nur in Ausnahmefällen die Klausur des Konvents oder den Klostergarten. In dieser Atmosphäre sind wir überzeugt, dass wir den richtigen Weg einschlagen. Wir machen uns die Bedingung der Keuschheit zu eigen und versuchen, uns nicht nur von Frauen fern zu halten, sondern – abgesehen davon – auch unsere fleischliche Begierde im Zaum zu halten. Durch Zufall entdecken wir einen von uns, wie er  – aufgescheucht durch etwas Lärm – splitterfasernackt aus seiner Zelle kommt. Er müsse sich – so sagt er – an die eigene Körperlichkeit gewöhnen. Das empfinden wir, so fremd es uns im ersten Augenblick auch ist, als durchaus vernünftig.

Wir durchleben dieses Jahr als Debütanten in großer innerer Ruhe und fühlen uns den Herausforderungen gewachsen, die unabwendbar auf uns zukommen werden.

Seit dieser Erfahrung sind 55 Jahre vergangen. Wir schreiben 2018. Es ist die Rückblende auf die Grundsätze eines Lebens, das ich sieben Jahre lang geführt habe. In dieser Zeit sind für mich radikalere Änderungen erfolgt als jene, die im Orden der Serviten seit 1233 stattgefunden haben.

 

Noviziat

108. Episode aus meinem Leben – Silberhochzeit

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Silberne Hochzeit
Es gibt einen Anlass. Es ist unser Silbernes Hochzeitsjubiläum. Aus dem atemberaubenden Kennenlernen vor genau 29 Jahren und dem nervenaufreibenden Sich-Einander-Gewöhnen wollen wir die 25. Wiederkehr  des Beschlusses „für immer zusammen zu bleiben“ feiern.Uns steht die Möglichkeit offen, das zu zweit in einem erstklassigen Restaurant bei exquisiten wohlschmeckenden Speisen zu tun. Wer aber uns, vor allem meine Frau kennt, weiß, dass das keine Alternative zu einer großen Familienfeier ist. Bereits ein Jahr vorher laden wir alle unsere Familien-Mitglieder ein. Die Geschwister mit Partnern, die Kinder, Schwiegerkinder, Enkel und Schwiegerenkel, Nichten und Neffen …Wir feiern jetzt, weil wir unsere Anverwandten in fröhlicher Stimmung um uns versammeln möchten. Bei unserem Begräbnis, wo üblicherweise die Familienmitglieder zusammentreffen, könnten wir ja nicht mehr dabei sein.

Meine Gattin Ina ist die perfekte Organisatorin. Sie denkt an jede Kleinigkeit, die zum Zelebrieren solch eines Festes nicht nur notwendig, sondern vielmehr möglich ist.  Sie hat sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. Da sich viele unserer Hochzeits-Gäste nur ganz selten treffen oder sich überhaupt – noch – nicht kennen, lässt sie unsere künstlerisch meisterhafte Tochter einen Stammbaum auf großes Pinnpapier malen. Die dazugehörigen Fotos klebt sie an passender Stelle mit den entsprechenden Namen und Geburtsdaten auf. Um die manchmal fehlenden Fakten fragt sie gerne mich, den Ahnenforscher.

Die Vorbereitung an Ort und Stelle kann erst – entgegen der Zusage für den Abend vorher – am Morgen des Ehrentags beginnen und macht uns – bei der Hitze, die heute herrscht –  großen Stress. Auf jedem Tisch des Speisesaals werden jeweils zwei miteinander verbundene Herzen in Silber platziert und mit einer Rose geschmückt. Auf die Sessellehnen sind Silber-Schlaufen gebunden. Bei einer Attraktion haben wir – trotz Hilfe unseres Freundes – große Schwierigkeiten. Die mehr als 250 – meist beschrifteten – Sektkorken lassen sich nicht, wie geplant, an den Wänden des Lokals aufhängen,  sondern müssen auf eine Tischplatte gehäuft werden. Daneben liegt die fünf Meter dreißig lange (!) witzige Collage, zu der uns die 80-jährige Autorin vor 25 Jahren erklärte, dass das „Egon“ des Bräutigams ungleich mehr Einfallsreichtum erforderte als das „Ina“ der Braut („ina“ kommt in vielen Worten vor und kann daher leicht aus Zeitungsartikeln ausgeschnitten werden).

Nach eiliger Stippvisite zuhause – wir müssen uns ja festlich kleiden und noch die fünf Torten transportieren – werden wir schon von den ersten unserer Gäste empfangen. Die meisten machen gleich vor dem Stammbaum halt, studieren und besprechen diesen aufmerksam. Meine bei der grünen Hochzeit in Rot gekleidete Frau, ist jetzt ganz in Weiß und natürlich mit Hut. Sie erklärt kurz den von ihr geplanten Ablauf und lädt dann zum Essen ein. Ich nütze die Gelegenheit, anschließend einige Episoden aus unserer gemeinsamen Geschichte zu schildern. Nicht nur im Rahmen meiner „Splitter“ erzähle ich von meinem/unserem Leben, sondern auch hier und jetzt mündlich, als ich mit ausladenden Gesten auf die gelungene Zeit unseres Zusammenseins zu reden komme. Der Anregung an die Anwesenden, einander kennen zu lernen oder auch das Wiedersehen nach längerer Zeit auszukosten, kommen alle gerne nach. Interessiert plaudern sie miteinander. Wir genießen dieses Familientreffen aus vollem Herzen.

Da bei einem solchen Fest auch Musik nicht fehlen darf, nützen wir und zwei weitere Paare die Gelegenheit zum Tanzen.

 

Stammbaum Tanzpaar

 

Mein lieber Freund Emanuel ist unserer Bitte nachgekommen und fotografiert die Gäste einzeln und  in Gruppen.

Nach Abschluss der großartigen Feier gilt es, wieder in den Alltag einzutauchen: meine Ina, fast so verschwitzt wie ich und meine Wenigkeit mit schmerzenden Blasen an den Fersen. Man trägt eben keine gerade eben gekauften Schuhe bei solchen Anlässen. Nun steht uns der Transport der übrig gebliebenen Torten samt mehrteiligem Tortengestell, der Sektkorken, des Tischschmucks und vor allem des Flipcharts bevor. Das kann gar nicht auf einmal gehen! Wir sehen uns schon  mehrmals schleppend zwischen Gasthaus und Wohnung hin und her trotten.

Nichts da! Die Kinder und Schwiegerkinder von Ina’s Bruder  helfen uns spontan, alles auf einmal zu bewältigen, ohne dass wir dabei Gefahr laufen, niederzubrechen.

Wir fühlen uns aufgehoben inmitten der liebevollen Familie. Für uns ist dieses Fest in jeder Hinsicht gelungen.

107. Episode aus meinem Leben – Enkel

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Enkel
Wozu hat man eine Mutter? Einer der „Verwendungszwecke“ ist die Beaufsichtigung der Enkelkinder. Da die Großmutter, hervorragend geschult für die Betreuung von Kleinkindern, das auch liebend gerne tut, steht dem nichts im Wege. Drei der Sprösslinge sind im Kleinkind-Alter von zwei bis vier Jahren, wobei es natürlich wichtig ist, dass ihre Eltern auf Abruf verfügbar bleiben. Lindabrunn, 40 Kilometer südlich von Wien, vereint beides ideal.Als Mann der Großmutter bin ich bei diesen Gelegenheiten nur eine Randerscheinung, aber abends und sogar ganze Urlaubswochen dabei.Jeder, der weiß, welches Vergnügen es ist, sich auch nur mit einem freudestrahlenden Knirps zu befassen, der kann ermessen, wie reizvoll es ist, drei davon um sich zu haben, sie in der Wiese hinfallen und mühelos wieder aufstehen zu sehen. Ich genieße es vor allem dann, wenn sie sich vertrauensvoll an mein Bein schmiegen. Ich setze mich zu ihnen, um mit ihnen Kontakt auf Augenhöhe zu bekommen. Ich bin entzückt. Ich kann uneingeschränkt auskosten, was der Umgang mit so kleinen Kindern bietet.

Man glaubt es kaum, aber schon jetzt besteht neben der zutraulichen Beziehung zu uns eine klare Struktur im Umgang der Winzlinge untereinander. Da kümmert sich der Vierjährige um seine Zwillings-Geschwister und fühlt sich für sie verantwortlich.

Nach dem Abendessen, beaufsichtigtem Waschen, Abtrocknen mit speziellen Handtüchern, die – wie viele andere Sachen – für jedes Kind eine eigene Farbe haben, und  Zähneputzen wird der Pyjama angezogen. Als alle kudernd im Bettchen liegen, bekommen sie zum Einschlafen eine  Geschichte vorgelesen, der sie aufmerksam zuhören, bis sie vom Schlaf überwältigt werden.

Erst danach gesellt sich meine Gemahlin – erschöpft aber glücklich – zu mir. Ich frage mich, wie sie diese verantwortungsvolle Arbeit ohne Hilfe bewältigen kann. Speziell dafür bewundere ich sie. Mit viel Umsicht kümmert sie sich um ihre Enkelkinder, wann immer sie kann. Ich wäre da komplett überfordert.

Ich kann mich auf das Angenehme konzentrieren und brauche im Freien auch nicht auf das Rauchen meiner Pfeife zu verzichten. Diesem meinem Vergnügen kann ich  vor allem deshalb frönen, weil meine Gattin mir deswegen überhaupt keine Vorwürfe macht.

Ordnungsliebend, wie es in einer solchen kinderbezogenen Situation eben ist, klopfe ich meine Gerätschaft zum Rauchen nicht auf der Wiese, sondern im Aschenbecher aus. Der gehört natürlich ausgeleert. Ich mache das mit großer Sorgfalt. Allerdings entgeht mir einmal, dass noch glosender Tabak dabei ist. Wir legen uns im Wohnzimmer zum Schlafen nieder. Bald darauf meint meine Frau, Brandgeruch wahrzunehmen. Ich springe aus dem Bett, fasse den Abfalleimer, dessen Inhalt mittlerweile in Flammen steht, und werfe ihn in großem Bogen auf die Wiese, wo er keinen Schaden anrichten kann.  Nicht auszudenken, wenn wir in einem anderen Zimmer geschlafen und diese Gefahr nicht bemerkt hätten.

Jetzt ist meine Liebste nicht mehr so duldsam und macht mir lautstark Vorwürfe, was alles aufgrund meines Leichtsinns passieren hätte können. Kleinlaut muss ich ihr recht geben. Ich wage nicht einmal, mir so etwas vorzustellen.

Bald aber überwiegt unsere Erleichterung darüber, dass wir glücklich an einer solchen Katastrophe vorbeigeschrammt sind. Unsere Enkel befreien uns mit ihrer ungestümen Fröhlichkeit von der tief bedrückten Stimmung. Dafür bin ich ihnen – wie könnte es anders sein – außerordentlich dankbar.

Zum vierten Geburtstag des Größten von ihnen kommen auch zwei weitere Enkel mit ihren Eltern zu Besuch. Meine liebe Frau macht ein Foto, auf dem vier Generationen vertreten sind: die Urgroßmutter, einer ihrer Enkel mit seiner Frau, fünf Urenkel und ich als Opa.

Lindabrunn
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106. Episode aus meinem Leben – Alkohol

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Feiern

Ich bin 76 und feiere die Silberhochzeit mit meiner Liebsten. Bei dieser Gelegenheit präsentieren wir unsere Sammlung an Sektkorken, die wir im Laufe der Jahre zusammengetragen haben, um vor Augen zu führen, welch lustvolle Jahre wir miteinander verbracht haben. Jeden feierlichen Anlass, den wir mit Schaumwein gefeiert haben, hielt ich – aus einer Laune heraus – durch das Beschriften dieser Korken mit Datum, Anlass und Namen der Beteiligten fest.

Die Hochzeits-Feier ist vorbei und ich beschließe, diese Stoppel zu entsorgen. Dabei lese ich die mühsam auf Kork geschriebenen Botschaften. Den Höhepunkt erlebe ich, als ich den Korken vom ersten gemeinsam mit meiner Liebsten getrunkenen Sekt aus dem Jahr 1989 in Händen halte. Wir beide schwelgen in dieser Erinnerung und im Anschluss beginne ich, über meine persönliche Beziehung zum Alkohol nachzudenken.

Die beginnt 1957 für mich Gymnasiasten in Innsbruck. Jede Woche freuen wir uns auf Freitag. Da bekommen wir aus der Klosterküche zum Fisch ein Bier. Wir wundern uns, dass das gerade am wöchentlichen Fasttag ist, besprechen das aber – aus guten Gründen – nicht.

Vier Jahre später werde ich als Priesterstudent  ins italienische Piemont versetzt. Hier herrscht die Gepflogenheit, dass jeder von uns sowohl zu den Mittags- als auch zu den Abend-Mahlzeiten ein Viertel Rotwein bekommt. Das ist einer der Vorzüge, die ich mir mit meinem Umzug eingehandelt habe.

Nach meinem Austritt aus dem Kloster trinke ich ab und zu ein Bier und zu besonderen Gelegenheiten Wiener Heurigen-Wein.

Erst beruflich lerne ich bei Wien-Besuchen meiner Kunden neben den verschiedenen Arten vom berühmten Wiener Kaffee auch unterschiedliche Bier-, Wein- und Schnapssorten kennen und trinken.

Bei meinen Reisen zu den Abnehmern unserer Produkte in exotischen Ländern ändert sich mein Bezug zu Alkohol erneut. Sehr oft bin ich dort, wo überhaupt kein Alkohol getrunken wird, wie in Saudiarabien, Yemen, und anderen islamischen Ländern. Beim Recherchieren finde ich heraus, dass Kuwait beispielsweise beim Alkohol-pro-Kopf-Konsum weltweit an 187. Stelle liegt. Als Exportmanager reise ich aber auch in die Ukraine. Die liegt in dieser Skala an der sechsten Stelle. Mich wundert es also nicht,  dass mir meine Gastgeber umgehend nach dem Abendessen harte Getränke servieren lassen. Damit schütten sie mich – im wahrsten Sinne des Wortes – zu. Ich bin tatsächlich so betrunken, dass ich nicht mehr allein in mein Hotel finde. Einmal und nie wieder!

Alle diese Höhen und Tiefen kommen mir in den Sinn, als ich die einzelnen Korken in die Finger nehme. Einer erinnert mich an unsere Nordland-Kreuzfahrt, ein anderer an unsere Reise am Nil und ein dritter an ein bemerkenswertes Ereignis beim Kartenspielen, als einer von uns beim Whist eine rekordverdächtige Punkte-Anzahl von 169 erreichte. Die Krönung meiner Suche ist jedoch der Kork von der Sektflasche, die ich zusammen mit meiner Frau und lieben Nachbarn als letzte getrunken habe. Ich werde nostalgisch und bewahre diesen zusammen mit dem ersten aus meiner Sammlung auf. Die restlichen 247 entsorge ich in diesem Moment. Immerhin konsumierten wir im Lauf der 28 Jahre neun Sektflaschen pro Jahr.

Beisammensein Kennenlernen

 

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105. Episode aus meinem Leben -Verbotene Bekanntschaften

105. Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel
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In Österreich ist es unüblich, dass Angehörige nächtens in einem Spital einem kranken Familienmitglied beistehen. In Italien ist es –wir schreiben das Jahr 1965 – sogar erwünscht, dass solch eine Unterstützung geleistet wird. Heute werde ich vom Pater Magister mit der Aufgabe betraut, meinem kranken Mitbruder zur Seite zu stehen. Im Stockwerk, wo wir uns befinden, werden die Patienten von einer Nachtschwester gepflegt. Wie sich bald herausstellt, hat sie viel Zeit, weil keine Notfälle zu betreuen sind. Ich döse vor mich hin, weil Frater Salvatore friedlich in seinem Bett schläft. Wir kommen ins Gespräch. Sie ist neugierig und ich nicht minder. Jedenfalls halte ich einen solchen Meinungsaustausch für sehr interessant.

Sie fragt mich also: „Warum sind Sie ins Kloster gegangen?“  Wahrheitsgemäß antworte ich darauf: “Seit meinem zwölften Lebensjahr bin ich in einem katholischen Internat aufgewachsen. Nie hatte ich Zweifel daran, die vorgesehene Laufbahn als Kleriker fortzusetzen.“

Ich wundere mich über ihr ungeniert geäußertes Bedauern, dass ich die Freiheit nach der Matura nicht wie sonst üblich genossen habe. Ob ich keine attraktiven Mädchen getroffen hätte, die mich umstimmen hätten können.

Ich halte es nicht für ratsam, in diesem Moment von meinen einschlägigen Erfahrungen zu sprechen. Weder das Begrabschen der Brust einer Klosterschwester in Kärnten, noch meine Erfahrungen mit den vielen interessierten jungen und älteren Frauen in Niederösterreich hatten ja dazu geführt, meine vorgefassten Pläne zu ändern.

Schon eher beantworte ich die Frage, ob es denn keine kritischen Familienmitglieder gäbe, die mich in dieser Angelegenheit beraten hätten: eine dominante Mutter, ein von der Familie getrennt lebender Vater würden von mir einfach nicht befragt oder überhaupt berücksichtigt. Geschwister gäbe es keine und einen Bauernhof hätte ich auch nicht geerbt.

Ich stelle mich wie üblich als Fra Clemente vor und sie – unüblich für ein solches Kennenlernen – als Antonella.

Mit „Du“ wird der Kontakt leichter, intensiver und intimer. Wir unterhalten uns darüber, ob nicht gerade jetzt der Zeitpunkt wäre, die bisherigen Entscheidungen in meinem Leben zu überdenken. Obwohl ich dadurch tatsächlich zum Überlegen komme, lasse ich mir das nicht anmerken.

Ich erkläre, dass es für mich alltäglich wäre, im Chorgestühl des Klosters mit allen übrigen Klosterinsassen zu beten, zu singen und zu meditieren, die Messe zu besuchen, die Kommunion zu empfangen und selbst das kleinste Vergehen zu beichten. Ich dächte gar nicht daran, diesen Tagesablauf mit der Teilnahme an allen liturgischen Festen in der Klausur unseres Klosters oder gar mein Leben zu ändern.

Zudem betone ich, dass ich nicht nur einfach zur klösterlichen Gemeinschaft dazugehören, sondern perfekt sein will. Ich bin derjenige, der darauf abzielt, andere vom unschätzbaren Wert unseres Lebens als Kleriker zu überzeugen. Bei den Meditationen denke ich manchmal daran, dass wir die Ideale der sieben Florenzer Kaufleute hochhalten sollen, die im Jahr 1233 den Orden der Serviten, der „Servi di Maria“ gegründet haben.

Ob ich das nicht unverhältnismäßig für ein Leben im zwanzigsten Jahrhundert fände, gibt Antonella zu bedenken. Diese Betrachtungsweise ist für mich neu und absolut unkonventionell. Ich bin so weit aufgewühlt, dass ich mir vornehme, mich mit dieser Problematik zu befassen. Ich plane, bei der täglichen Meditation zu reflektieren, wie ich mich dieser Versuchung erwehren kann.

Aber jetzt wird es mir zu viel. Ich wechsle das Thema und frage sie, ob sie verheiratet wäre. Als sie verneint, erkundige ich mich, ob sie einen Freund hätte. Insgeheim atme ich auf, dass sie auch das ablehnt. Schließlich erkundige ich mich, ob sie bei den Eltern wohne und ob sie Geschwister hätte. Sie lebe bei der Mutter und hätte eine Schwester.

Sie lädt mich zu sich nach Hause ein und lässt meine Gegen-Argumente nicht gelten. Obwohl ich nicht glaube, dass es meinem Pater Magister gefallen wird, verspreche ich, mich bei ihm zu erkundigen. Er stimmt zu …

Beisammensein
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104. Episode aus meinem Leben – Schwiegermütter

Episoden aus meinem Leben

104. Splitter – Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

 

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Einen der Ratschläge meiner ersten Schwiegermutter vergesse ich nie: „Beim Waschen von Kochtöpfen immer besonders auf die Ränder achten!“  Fast jedes Mal, wenn ich ein Reindl reinige, denke ich deswegen an sie.

Entgegen den üblichen Vorurteilen Schwiegermüttern gegenüber habe ich nur positive Erinnerungen an meine beiden. Lange Zeit meines Lebens waren Schwiegermütter für mich ohnehin tabu. Im Kloster keine Frau, also auch keine Schwiegermutter!  Dann heirate ich und werde Schwiegersohn.

Meine erste Schwiegermutter ist bereits Witwe, als ich in ihre Familie einheirate. Von Anfang an schätzt sie mich sehr. Immer hält sie sich dezent im Hintergrund. Aber sie ist diejenige, die in ehelichen Krisenzeiten zwischen meiner Frau und mir sanft vermittelt. Wie selbstverständlich versorgt sie uns alle mit köstlichem Essen, der Pflege unserer Kleidung und dem Reinhalten unserer Wohnung.

Im Kloster, wurde ich für lange fünfzehn Jahre von unseren Laienbrüdern mit Essen und vielen anderen Hilfeleistungen versorgt. Sie sorgten für unser leibliches Wohl, konnten mir aber kein Gefühl der Geborgenheit vermitteln.

Endlich bekomme ich auch emotionale Zuwendung durch sie, meine neue Mutter. Nicht nur, dass sie immer freundlich zu mir ist, sie lässt mich ohne Wenn und Aber zum Vater für meinen Stiefsohn werden. Sie gibt mir in ihrer Wohnung Platz für meine Hobbies und – vor allem – sie übernimmt mit viel Zärtlichkeit und Engagement die Obsorge für meine Tochter, als meine Frau wieder berufstätig wird. Wir haben ein ideales Verhältnis zueinander.

Schwiegermutter Snasel Schwiegermutter Weissinger

Daher erhoffe ich mir von den Eltern meiner geliebten Partnerin, die ich nach der Trennung von meiner Frau gefunden habe, Ähnliches. Und tatsächlich fühle ich mich hier, wo meine künftige Frau die dritte unter sieben Geschwistern ist, durch Gespräche mit ihrem Vater, der mich zu meinem Beruf und meinen Interessen befragt, in die Familie aufgenommen. Leider stirbt er noch vor unserer Hochzeit.

Ihre Mutter steht mir auch sehr positiv gegenüber. Wie ich von meiner Auserwählten erfahre, hatte sie ihr zu verstehen gegeben: „So einen Mann hast Du Dir schon als Sechzehn-Jährige gewünscht!“ Was will ich mehr? Ich fühle mich von Beginn an angenommen und freue mich ungemein über diese ermutigende Aussage.

Mit Mutti – wie wir sie alle gemäß Familientradition nennen – kann ich ganz ungezwungen umgehen. Bei kleinen gemeinsamen Ausflügen necke ich sie beispielsweise damit, dass ich bei jedem Fahrzeug, dessen Nummerntafel „GF“ beinhaltet und damit eindeutig auf Gänserndorf hinweist, die Bemerkung fallen lasse, dass es sich um die Großfeldsiedlung handelt. Darüber empört sie sich, was mich dazu veranlasst, dies immer wieder zu tun.

Gerne trinken wir mit ihr manches Glas Sekt, wie wir anhand der Sektkorken nachvollziehen können, die ich seit 1989 mit Datum und dem Namen der Beteiligten versehen habe.

In Zypern – mit Mutti unternehmen wir auch manche Urlaubsreise – wird uns im Haus eines unserer Gebietsvertreter ein exotisches Gericht vorgesetzt, das allem Anschein nach ein undefinierbarer Brei ist und von dem meine Frau nicht einmal kosten, geschweige denn essen will. Mutti hingegen hat keine Hemmungen. Zusammen mit mir isst sie ohne Zögern von dieser Speise, von der sich herausstellt, dass sie besser schmeckt als sie ausschaut. Damit bewahrt sie mich davor, als einziger davon essen zu müssen.

In der Slowakei machen wir einen gemeinsamen Badeurlaub. Ich gehe hüfttief im Nichtschwimmerbereich,, meine beiden Begleiterinnen nützen den Teil für Fortgeschrittene. Dann sonnen wir uns im Liegestuhl. Sobald es uns zu heiß wird, setzen wir uns auf die Veranda und spielen unser Kartenspiel Whist. Damit fühlen wir uns wie zuhause und genießen diese erholsamen Abwechslung. Zu meiner Verblüffung sagt Mutti zu mir, der – mit einem Kilt bekleidet – seine ganze Aufmerksamkeit auf das Spiel richtet: „Da soll man sich nicht aufregen, wenn man stundenlang einem fast unbekleideten Mann gegenüber sitzt!“

Sie schreibt auf Anregung meiner Frau Ina ein Buch über ihr Leben. Sie geht dabei sehr ins Detail und wir alle können viele Informationen über die damalige Zeit und im speziellen über sie selber erfahren. Am Schluss dieser ihrer Annalen stellt sie fest: “Ich blicke auf ein erfülltes Leben zurück.“

In den letzten beiden Jahren erkrankt sie und benötigt regelmäßige Betreuung in einem Krankenhaus. Nachdem ich gerade meine Pension angetreten habe, stelle ich mich dafür zur Verfügung, sie von dem Außenbezirk, in dem sie wohnt, in ein Krankenhaus im Westen der Stadt zu chauffieren. Meine Frau übernimmt den heikleren Teil der Betreuung in den Räumen des Spitals. Ich fahre angeregt plaudernd mit meiner geliebten Schwiegermutter zurück in ihr Haus.

Als sie mit 93 Jahren stirbt, vermisse ich noch lange ihre Fröhlichkeit und Lebensweisheit. Ich habe eine Mutter verloren, die während der ganzen Zeit unseres Zusammenseins meine intensive Sympathie mit voller Zuneigung erwidert hat.